Hesse und die Pietisten
Na, da ist er doch ein bisschen sauer, der emeritierte Herr Hsia von der McGill-Universität in Montreal, dass ich das nicht stehen lassen hab', Pietisten seien eine Sekte. Denn mit diesem sachlichen Fehler eröffnete der an der FU Berlin promovierte Germanist in allerdings grammatisch einwandfreiem Deutsch seinen Vortrag über Hermann Hesses „Siddhartha“ mit dem Titel Over 80 years' Discussion of its Christian, Indian and Chinese Connections by Scholars of three Continents. Es war auch sonst kein doller Vortrag. Dass Hesse unter der strengen pietistischen Erziehung seiner Eltern gelitten hat, kann man ja noch stehen lassen. Doch dann bestanden zwei Drittel des Vortrags aus einer Rekapitulation des Inhalts von Hesses indischer Dichtung, dann kam noch eine windige These zum interkulturell Verbindenden dieses zeitlosen Texts und Bilder zur Auflockerung hatte der betagte Gastreferent auch nicht im Gepäck.
Ich suche noch kurz das Gespräch mit dem Gelehrten aus Kanada und steige mit ihm in den Aufzug. Er fragt mich ob ich Schwabe sei, weil ich die Pietisten verteidigt hätte. Ich wiederhole noch mal in anderen Worten die kleine Korrektur aus der Diskussion nach dem Vortrag, dass Pietisten durchaus auf dem Boden von Bibel und Bekenntnis stünden, eine etablierte Gruppe innerhalb der offiziellen Landeskriche seien und somit beim besten Willen nicht mit einer Sekte wie etwa den Zeugen Jehovas auf eine Stufe gestellt werden könnten und versuche dabei verbindlich und freundlich zu sein, aber als er dann feststellt, dass ich nicht mit ihm aus dem Fahrstuhl steige, ist er, glaube ich, doch ganz froh.