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Dienstag, 03. November 2009

Drama-Queen
Von DM, 23:59

Was habe ich jetzt wieder angestellt! Ich stehe kurz vor Mitternacht bei eisiger Kälte an einer belebten Nanjinger Kreuzung, an der sich ein paar Bauarbeiter zu schaffen machen, und mir gegenüber steht eine leidlich erfolgreiche Literatin, elf Jahre jünger als ich, die soeben in Tränen ausgebrochen ist. Und das kam so: Ich habe also Danyu zu dem Besuch dieses Schriftstellers George Lindt eingeladen, denn sie als Autorin und ein deutscher Autor, das passt doch. Und er, der heute in Nanjing eine Lesung hatte, eigentlich ja zwei Lesungen... Na, ich sehe schon, wir müssen doch ganz zurück zum Anfang:
Um neun Uhr morgens haste ich, nachdem mein Wecker mich zu spät geweckt hatte, zum Hörsaal 736, wohin ich für neun Uhr wegen der heutigen Dichterlesung bestellt wurde, nur um festzustellen: keiner da. Kurz danach eine Mitteilung per SMS: Wir sind hier noch in einer Druckerei, kommen etwas später. Dann habe ich ja noch etwas Zeit für die Beschaffung von Laptop und Mikro. Kurz darauf kreuzen die Organisatoren mit dem Autor auf: die örtliche Goethe-Tante, die Organisatorin der Lesereise aus Peking, eine Tussi Typ abgebrochenes Soziologie-Studium und dreimal vom selben Freund getrennt, die Pullover trägt, die zum knallroten Rand ihrer 120-Dioptrin-Brille passen und (was ich besonders toll finde) erst alles wild macht und dann im Nebensatz fallen lässt, dass man das alles doch nicht brauche, sowie Autor Lindt, der erst etwas spröde und scheu wirkt, aber noch gehörig auftauen wird, sobald ich vor den Studenten und zwei Kollegen die Veranstaltung eröffnet habe: Dann hört er nämlich als Ergänzung zu seiner eigenen Lesestimme die von mir und meiner Kollegin Chen gestern in einem Lesewettbewerb gecastete Jia Ni, die zusammen mit „Leonora“ von den Magisterstudenten die chinesische Überetzung lesen darf. Man muss wissen: Jia Ni, die für mich alles andere als eine Überraschungssiegerin in dem Wettbewerb war, liest nicht, sie spielt, was sie liest. Und Jia  Ni wird auch noch auftauen: Sie erfährt nämlich, dass sie es hier mit dem Regisseur des Dokumentarfilms „Beijing Bubbles“ über Pekinger Rockmusiker zu tun hat, und dieser Film sagt ihr viel mehr als der Roman, aus dem sie heute vorliest.
Lindt, der aus Marburg stammt, zeigt passend zu seinem kurzweiligen Roman „Provinzglück“ über einen Berliner Marketingmeister, dessen Leben durch ein Lockangebot aus einer Kleinstadt auf den Kopf gestellt wird, ein paar Provinzbilder, macht noch eine Extra-Tonaufnahme von Jia Ni und erzählt später auf dem Weg zum gemeinsamen Essen, wie die unkorrigierten Druckfahnen durch ein peinliches Missgeschick des Fischer-Verlags in Druck gerieten, was die vielen Fehler in dem Roman erklärt, auf die ich ihn angesprochen habe. Was nun aus Katharina und Jan, den Hauptfiguren des Romans geworden ist, lässt sich leider aus dem bescheiden gebliebenen Multitalent nicht herauslocken. Beim Essen punktet Rote Brille wieder kräftig bei mir, indem sie sich höflich erkundigt, ob es jemanden stört, wenn sie raucht, nachdem die Fluppe schon halb brennt. Ich muss dann auch mal...
Nachmittags liest Lindt noch mal in der großflächigen Tiefgarage unterhalb des Sportgeländes Wutaishan,  in dem ich immer jogge. Wahrscheinlich war die Lüftung nicht ausreichend, um hier in den Katakomben des Stadions statt Büchern tatsächlich Autos zu parken. Zwischen den auf den Asphalt gemalten  Parkmarkierungen stehen jetzt Stände mit Büchern, soweit das Auge reicht. Es gibt auch ein Café und eine gemütliche Sitzecke. Dort gibt es die zweite Aufführung der Lindt-Lesung. Ich sehe auch ein paar bekannte Studentengesichter. Natürlich habe ich Danyu auch von dem Termin Bescheid gegeben. Plötzlich sitzt sie neben mir. Später stelle ich sie Lindt vor und der kauft sogar noch zwei ihrer Bücher, die in so einer üppig sortierten Buchhandlung natürlich nicht fehlen. Verstehen sich ganz gut, die beiden. Dann wandern alle ab. Und ich trinke mit Danyu einen Tee. Sie ist ungehalten, dass ich für ihren Plan, hier für mich einen Vortrag zu organisieren, nicht sofort Feuer und Flamme bin. Deswegen sei sie hauptsächlich gekommen. Der Autor habe sie doch gar nicht interessiert. Ich bezeichne sie mehrfach als Drama-Queen, obwohl ich noch gar nicht wissen kann, wie recht ich damit habe. Ich will nach Hause. Aber sie lässt mich nicht. Sie will mit mir essen gehen aus Dankbarkeit, weil ich ihr neulich eine Empfehlung geschrieben habe. Aber ich bin noch satt vom Mittagessen. Kompromiss: Wir gehen in das unterirdische Eiscafé an der U-Bahnstation. Da muss ich mir zum x-ten Mal anhören, warum sie ihren Freund, den US-Chris, der sieben Jahre jünger ist als sie, nicht heiraten wolle und den französischen Chris, mit dem sie sich seitenlange E-Mails schreibt (die ich gelegentlich als Kopie erhalte), nicht heiraten könne bzw. er sie nicht oder noch nicht usw. Dann will ich endlich weiterkorrigieren. Sie verlangt, dass ich sie mit dem Taxi nach Hause bringe. Ich sage: Auf gar keinen Fall, sie wisse doch, dass ich zu tun habe. Ich wende mich ab, sie hinterher. Tja, und das ist der Moment. Sie erleidet so eine Art nervösen Zusammenbruch. Fünf bis zehn Minuten lang flennt sie dort in der eisigen Kälte, in der wir vorher schon zehn Minuten lang sinnlos herumgestanden haben. Ich denke: Kann hier mal jemand den Vorhang ziehen? Denn wir haben Zuschauer! Die Bauarbeiter direkt vor uns wundern sich, Radfahrerinnen fahren vorbei und schauen neugierig zu dieser offensichtlichen klassischen Tragödie herüber. Ich sehe natürlich aus wie der böse ausländische Herzensbrecher par excellence. Aber, hey!, das ist hier gar keine Tragödie, das ist reine Hysterie, möchte ich denen am liebsten hinüberrufen, aber ich weiß nicht, was Hysterie auf Chinesisch heißt. Sie sei nichts wert, sie sei Dreck und wertlos, wiederholt sie und sie verliere hier gerade in aller Öffentlichkeit das Gesicht meinetwegen, das sei beschämend. Ich gebe ebenso wiederholt zu verstehen, dass sie da jetzt doch etwas übertreibe, woran man schon merkt, dass ich mit dieser Situation etwas, wenn nicht sogar weitgehend überfordert bin. Das ist jetzt irgendwie alles doch bisschen viel für mich, insgesamt gesehen. Und, also, machen wir's kurz, ich bringe sie natürlich doch mit dem Taxi nach Hause. Aber sie muss zahlen!

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