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Donnerstag, 05. November 2009

Mach leer, den Becher!
Von DM, 23:59

Heute geht es im Unterricht mal nicht mit dem Uni-Bus nach Hause, sondern mit dem Linienbus zum Busbahnhof Dongzhan. Und von dort in die Heimat von Yangliu, einer Studentin, die im Sommer auch in Großenaspe war. Revanchebesuch gewissermaßen. Vor der langen Reise: Premiere für mich in der Mensa auf dem neuen Campus Xianling. Mit am Tisch sitzt auch Yixuan, ebenfalls im Sommer bei mir. Als es dunkelt, kommen wir über die vergitterte Zufahrt bei der Firma vom Papa an. Die Mama ist auch da, sie wirkt jugendlich und trägt eine schwarze Motorradlederjacke. Ihre Tochter nennt sie „Xiao Liu“ (bzw. im hiesigen Dialekt „Celiu“), was „Kleine Liu“ heißt und berechtigt ist, denn Yangliu ist höchstens 1,60 m groß. In der Firma gibt es auch eine Hündin, die sich vor Freude Yangliu wiederzusehen gar nicht mehr einkriegt. In der Firma, einem klassischen Familienbetrieb, bei dem jeder hier und da mithilft, stehen überall riesige Rollen mit Eisendraht herum. Ich erfahre, dass diese hier verarbeitet werden zu Stahlbetonträgern. Die Baubranche boomt auch in der Provinz. Leider, mit betrübtem Blick hat mir Yangliu das während der Busfahrt erzählt, ist der Papa, sonst ein optimistischer Mann, momentan arg eingeschränkt. Beim letzten Telefonat mit seiner im zwei bis drei Stunden entfernten Nanjing war er so abgelenkt, dass sein Zeigefinger in eine Maschine geriet, jetzt ist er zwei Glieder kürzer. Man hat Finger und Patienten zusammen nicht schnell genug ins Krankenhaus bekommen. Jetzt trägt er immer noch einen dicken Verband und die Hand in einer Schlaufe.
Ein Onkel kommt herein und zündet erst mal eine Fluppe an. Ich bin der Renner des Tages und die Gelegenheit wird genutzt um im ersten Stock eines in der Nähe gelegenen Restaurants im Kreise der erweiterten Familie und einiger Freunde zu schlemmen. Neben Yang Liu sitzt ihr jovialer Onkel, Typ Schenkelklopfer und Bierkonsument ersten Grades. Seine Zähne sind schwarzgelb vom vielen Rauchen und in seinen schmalen Augen sieht man die roten Äderchen. Immer wieder ruft er „Ganbei“ („Mach leer, den Becher!“) und macht dann auch wirklich leer. Im Verlauf des Abends wird so noch ungefähr tausend Mal angestoßen. Einer mit allen, alle mit einem. Ich trinke Saft und rauchen tu' ich auch nicht. Seltsamer Deutscher. Es gibt die üblichen 32 Gänge, der Tisch sieht am Ende aus wie nach einem Germanengelage. Längst sind alle männlichen Teilnehmer in der Runde mindestens angeschäkert. Schließlich fährt uns ein Onkel oder Cousin, ich habe keinen Überblick mehr, mit seinem Auto heim. Der Typ ist natürlich voll wie tausend Tümpelkröten, aber dass er trotzdem den Motor anlässt und das Steuerrad in die Hand nimmt, ist so normal wie Regen im deutschen Sommer. Und ich sitze auch noch vorne! Ehrengast! Ich schnalle mich an und bete zum Ewigen, dass er die Kontrolle behält, die der Fahrer leicht verlieren könnte. (Ironie am Rande: Im Juni hatte Yanglius Vater einen Mopedunfall. Schuld war ein Betrunkener.) Alles geht gut. Ich beziehe in dem dreistöckigen Haus am Stadtrand ein eigenes Zimmer. Heizung gibt es nicht, aber immerhin warmes Wasser. Doch ich dusche lieber morgen früh.

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