Von Opferritualen und Zockerrunden
Heute wird ausgeschlafen und dann kommt es zum dritten großen Festbankett mit der Familie Yang. Dazu gibt es unter anderem Hammelbraten (Yang heißt ja übersetzt Hammel) und einen superleckeren Fisch, den der joviale Onkel, der auch heute wieder zugegen ist, extra frühmorgens aus der alten Kaiserstadt Yangzhou geholt hat. Die Oma bietet ihre größten Kochkünste auf, auch Opa und Oma mütterlicherseits sind angereist. Und die üblichen Onkels und Tanten. Nachdem die Bierlachen auf dem Tisch sich zu gewaltigen Strömen ausgeweitet haben und auch ich satt geworden bin, wird der Speisesaal Schauplatz eines religiösen Rituals: Vor dem hauseigenen Altar im Erdgeschoss sammeln sich Schulterstücke vom Rind oder Schwein, Obst, Bonbons und andere Leckereien. Vorne auf einem Schemel geht jeder einmal auf die Knie und verneigt sich vor den unbekannten Göttern, um das Schicksal des in diesem Jahr bisher nicht vom Glück verfolgten Familienvaters zu wenden. Man rechnet nicht damit, dass ich mich daran beteilige. Und richtig: „Ich bin Christ“, erkläre ich, da betet man nur zu Jesus. Ich finde es auch ein bisschen merkwürdig, dass danach den Göttern die ganzen Leckerlis weggegessen werden. Auch ich bekomme ein paar Bonbons ab, die eben noch auf dem Altar lagen. Naja, ich kann die auch besser verwerten. Nach der religiösen Pflichtübung setzen die Männer sich zusammen und eröffnen eine Zockerrunde und spielen um Geld. Da ich schon von Natur aus nicht pokern kann, nutze ich die Gelegenheit, den etwas ratlos umherstehenden Frauen Mau-Mau vorzuschlagen. Und Yangliu und ihre Tanten reagieren auch ganz positiv auf das Spiel. Sie spielen mich sogar phasenweise unter den Tisch. Dann ist es vier und ich nehme Abschied, verspreche dem gebeutelten Vater von Yangliu, dass ich mal bei Jesus für ihn ein gutes Wort einlegen werde, und einer der Männer fährt mich mit Yangliu zum Bus-Bahnhof, wo ich nur durch forsches Auftreten verhindern kann, dass sie mir die Rückreise finanziert. „Aber ich habe Weisung von meinen Eltern, dass ich die Fahrkarte bezahle“, sagt sie. Nun, sage ich, sie müsse ja nicht erzählen, dass sie mit dem Projekt gescheitert sei. Außerdem hätte ich ihre AKN-Fahrkarte ja auch nicht bezahlt, als sie im Sommer in Großenaspe gewesen sei.