Es knirscht im Gebälk

Kracks. Es knirscht gewaltig bei mir vorm Fenster, während ich an den Korrekturen meines Geschichts-Tests sitze. Seit heute Morgen fällt in dicken Flocken Schnee vom Himmel. Der plötzliche Wintereinbruch ist dem stattlichen alten Baum vor meinem Balkon nicht bekommen und er ist einfach mit Stumpf und Stiel umgekippt. Ich hatte schon bei dem Gewittersturm im Juni Sorge um ihn. Nun haben Wind und die vereisten Schneehaufen auf seinen Zweigen ihm den Rest gegeben. Mir wird der Schatten im nächsten Sommer fehlen. Auch die Wäscheleine, auf die ein paar Äste gefallen sind, hat sich verlängert. Wie ich unten vor Ort feststelle, als ich aus der Bibliothek zurück bin, war der Stamm innen hohl und morsch. Inzwischen haben Arbeiter den Baum bereits in Brennholz zerlegt.
Danyu hält mich mal wieder von der Arbeit ab. Abends um acht steht sie bei mir auf der Matte, um mal wieder die neuesten Entscheidungen zum Thema Liebe, Last und Lebensplan zu diskutieren. Ich komme mit meinen Test-Korrekturen nur voran, als der kanadische Mittelschullehrer sie anruft, von dem sie mir gerade erzählt hat und der sie ja viel aufmerksamer behandle als ich. Vielleicht könne sie den ja heiraten, sage ich. „What?“, empört sie sich. Erwecke sie vielleicht den Eindruck, als ob es ihr nur ums Heiraten ginge? Darauf gibt es nur eine Antwort: „Yes.“ Dann ruft Liu Chao an, weil ich ja in einer Woche nach Peking komme. Wir plaudern fröhlich weiter. Danyu denkt aber nicht daran zu gehen. Stattdessen wedelt sie mir ständig selbst geschriebene Zettel ins Blickfeld. „I am hungry. What about you?“ Und nach zehn weiteren Telefon-Minuten: „Is she your sweetheart?“ Es muss halb elf sein, als ich mit ihr zwecks Mitternachtsbuffet zum Sculpting on Time aufbreche, damit sie nicht wieder in Tränen ausbricht oder Schlimmeres, wenn ich sie so nach Hause schicke. Wie schon früher an dieser Stelle gesagt: Wenn dies ein Roman wäre, würde man sagen: Die Figur ist total überzeichnet!