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Mittwoch, 25. November 2009

Verschüttgegangen
Von DM, 23:59

Am dritten Tag der Konferenz ist Ausflugszeit: Ein Bus bringt uns Hochschullehrer erst zu geheimnisvollen Eunuchen-Gräbern der Ming-Dynastie, in denen aber keiner mehr liegt, dafür liegt eine Mumie im musealen Ausstellungsraum nebenan, die zwar nicht so gut erhalten ist wie Mao, der vor allem besser gekämmt ist, aber die Zähne sind noch ganz gut. Es ist eines der älteren Viertel, in denen wir bei frostigen Temperaturen unterwegs sind (unten im Grab war's wärmer). Es sieht so aus, „wie man sich China eigentlich vorstellt“, bemerkt einer der Kollegen treffend. Es geht zu Fuß in einen Tempel, der einen Steinwurf entfernt liegt. Ich unterhalte mich unterwegs mit Julia, die als Deutsch-Lektorin im Auftrag der Bosch-Stiftung in Guilin tätig ist, dem Tor zu den legendären Karst-Bergen im Süden. Eigentlich wollte sie ja Polizistin werden, weil das im Fernsehen immer cool rüberkommt, aber das habe ihr Vater ihr so lange madig gemacht, bis sie nun Deutsch-Lehrerin geworden sei. Der Papa ist aber immer noch unzufrieden, denn das sei ja auch nichts Richtiges. Dafür ist sie verheiratet, aber ihr Mann ist momentan nicht da. Als wir an der Mauer des höchsten Pavillons der Anlage stehen, sehen wir nichts von der Stadt unter uns. Alles liegt hinter grauer Nebelsuppe. Beim Abstieg zeige ich der Kollegin Claudia, die auf der Konferenz mehrfach durch laute Zwischenrufe auffällig geworden ist, rasch das Klo. Ich selbst bewundere das Hündchen, das davor liegt. Dann sind auf einmal alle weg. Und wir wissen nicht genau, wo der Bus steht. Also gehen wir erst mal so los. Ich erfahre, dass sich der Professor, der gestern über Herta Müller referiert hat, schon über ihren Zwischenruf beschwert hat, was ihr gar nicht behagt. Ich sage: „Du bist manchmal etwas undiplomatisch.“ Außerdem erfahre ich, dass Claudia mit sechs Fingern an einer Hand geboren wurde und der, als sie klein war, abgebunden wurde, bis er abfiel. Das scheint Claudia bis heute nicht ganz verkraftet zu haben oder dass ihre Mutter das nicht so gut verkraftet hat, hat sie nicht so gut verkraftet. Die hielt den Finger für ein böses Omen. Oder so. Jedenfalls frage ich jetzt erst mal bei einem Laden an der Ecke, ob man hier eine Horde Langnasen gesehen habe. Ein Obstverkäufer mit Wagen erinnert sich und weist die Richtung, aus der wir kamen. Aber Claudia scheint von dem Verlassenwordensein so traumatisiert zu sein, dass sie wieder Richtung Tempel gegangen ist. Ich entscheide, dass es klüger ist, jetzt erst mal Anschluss zu halten. Claudia holen wir dann später. Ich nehme meinen Tempo-1-Wanderschritt auf und stoße wenig später auf den Leiter der Konferenz, instruiere ihn kurz, gehe zurück und lese Claudia auf, die mich zum Schatz erklärt, weil sie gerade mit dem Telefon niemanden erreicht hat, und mir erst mal ein Stück Brot aus der kleinen Straßenbäckerei anbietet, neben der wir stehen. Ich als Pfadfinder, der die Ruhe bewahrt und die Lösung weiß. Das war mal was Neues!
Am Abend esse ich mit Albert in der Nähe der Renmin-Universität in einem vornehmen kantonesischen Restaurant mit vielen Tieren in großen Aquarien chinesische Nudeln. Unterbrochen wird der Abend nur von Alberts pflichtgemäßen Telefonat mit seiner koreanischen Frau, die zu Hause zwei kleine Kinder hat und sich mindestens so verloren fühlt wie Claudia vor ein paar Stunden. Albert enthüllt auch ein paar der Herausforderungen, die so eine interkulturelle Ehe mit sich bringt: Nachdem sie niedergekommen war, durfte die junge Mutter sich traditionellerweise einen Monat lang nicht waschen, worüber die hilfsweise angereiste Schwiegermama des Gatten eisern wachte. Sicher ist das nicht das Bild, das man vor Augen hat, wenn man jung und verliebt seiner koreanischen Freundin einen Antrag macht, vermute ich und bin ziemlich froh, dass mir so was nicht passieren kann.

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