Schnappi, das kleine Krokodil
Albert geht's nicht so gut. Er konnte ca. eine halbe Stunde vor Beginn des Abschlussbanketts nicht widerstehen und hat sich auf der Straße einen Fleischspieß gekauft. Jetzt ist ihm nicht mehr so nach Essen. Er legt sich mit Magenbeschwerden ins Bett. Nach dem Essen beschließen Alberts muntere Kollegin Ursula sowie Julia, Festplatten-Frank aus Chongqing und andere, denen nicht nach Nachtklub oder Tanzlokal zumute ist, dass wir den Abend in irgendeiner kleinen Klitsche mit einer großen Kniffel- und Uno-Spielrunde ausklingen lassen. Erst muss ich aber überredet werden, dass das eine gute Idee ist. Kneipen notorisch abhold wollte ich nämlich lieber in der Hotel-Lobby bleiben, statt andernorts fremden Nikotinqualm zu inhalieren. Als ich Festplatten-Frank nach fünfzehn Minuten Wanderung durch die Eiseskälte von Peking bereits damit in den Ohren liege, dass ich gleich umkehren werde, stoßen wir in Uni-Nähe auf ein Eckchen wie für uns gemacht. Der kleine Schuppen mit nur drei, vier Tischen ist tatsächlich auf Spielabende spezialisiert und die Betreiber schauen uns so gebannt zu, dass sie ganz vergessen uns nach unseren Bestellungen zu fragen. Eine bildschöne Aushilfskellnerin sorgt dann doch noch für die Bedienung. Ursulas heiße Schokolade erweist sich jedoch als Flop: Sie wurde mit Wasser statt mit Milch zubereitet. Zuvor hat die schöne Kellnerin im Kneipen-Computer bereits so zielsicher nach deutschem Liedgut gefahndet, dass nun „Schni-schna-Schnappi, das kleine Krokodil“ unsere Ohren betäubt. „Oh“, rufe ich auf Chinesisch den Leuten am Tresen zu, „ein deutsches Lied!“ und wirke dabei so was von begeistert. Meine Mitspieler werden mich dafür noch mit Blicken zu töten versuchen, denn ab sofort läuft Schnappi als Endlosschleife. Mir egal, ich habe eine Glückssträhne. Nach dem Kniffel-Minusrekord vor zwei Tagen auch überfällig! Schließlich findet die Kellnerin mit den guten Internet-Kenntnissen auch noch ein Lied von Rammstein. Da war Schnappi ja fast noch besser! Am Ende lassen wir sie noch einige Runden Uno mitspielen. Sie scheint die Regeln allein durch ihr augenfällig neugieriges Zusehen gelernt zu haben.
Als wir nach Mitternacht am verriegelten Südtor erscheinen, entschließe ich mich zum Sprung über den Zaun und bin etwas früher im Bett als der Rest, der lieber einen Umweg macht. Alberts Magen hat sich unterdessen gut erholt und die Korrektur vieler Klausuren zugelassen.