Adventssingen
Mein ehemaliger Mitschüler Karl und seine Frau haben zum Adventssingen geladen. Ich nehme Bus Nr. 97 vom Bahnhof und memoriere den Namen der Station Yanmin Shanzhuang, den Karl mir genannt hat, damit ich den Ort, wo ich aussteigen muss, auch ja nicht verpasse. Da! Schon höre ich die Stimme im Bus „Yanmin Shanzhuang“ sagen. Schnell zum Ausstieg! Aber als der Bus hält, hört sich der Stationsname auf einmal anders an und ich steige lieber nicht aus. Denn bestimmt habe ich mir in der Nervosität nur eingebildet, dass die Stimme „Yanmin Shanzhuang“ gesagt hat, und in Wirklichkeit hat sie etwas ganz anderes gesagt. Bald wird mir klar, dass da mal wieder was schief gelaufen ist, und zwar, als plötzlich alles aussteigt und ich mit dem Fahrer allein im Bus zurückbleibe. Wenig später stehe ich in einer verlassenen Stadtrandgegend allein an einer Haltestelle, die definitiv nicht Yanmin Shanzhuang heißt und auch nicht mehr Ähnlichkeit mit Karls Kolonie hat als der Mond mit der Erde, und warte auf den ersten Bus, der in die Gegenrichtung fährt. Auch auf der Gegentour hält der Bus nur eine Station nach Yanmin Shanzhuang und ich muss noch mal 15 Minuten laufen. Es ist wie verhext. Und das am 2. Advent!
In Karls und Charlottes Ausländer-Siedlung sehen natürlich alle Häuser und Straßen gleich aus. Sie heißen auch alle gleich. Alles Gärten: Hui Jin Garden, Qi Fu Garden, Renmin Garden! Mein Gedächtnis lässt mich im Stich. Ich war im Mai zuletzt hier, aber damals wurde ich gefahren. Die Bauarbeiter, die ich frage, haben auch keine Ahnung und schicken mich in eine Sackgasse. Schließlich rufe ich Karl mit dem Mobiltelefon an, was ich nur höchst ungern tue. Im Hintergrund ertönt bereits lautes vorweihnachtliches Singen. Am Ende liest Karl mich auf der Straße auf und ich kann zusammen mit einem guten Dutzend Deutscher, die ihr eigenes Kulturgut wiederentdecken in „Vom Himmel hoch“ mit einstimmen. Und anschließend gibt es – Karl hatte nämlich kürzlich einen Termin in der Heimat – Lebkuchen und Mandelspekulatius (nicht die billigen von Aldi)! Gegen halb neun fährt mich der alte Schulfreund dann sicherheitshalber höchstpersönlich zum Bahnhof.