Potemkinsche Dörfer in der Grünen Küche
Gestern saßen wir noch im Salon des Fachbereichs, die Studenten des IKG-Studiengangs (Doppelmasterstudiengang Interkulturelle Germanistik in Kooperation der Universitäten Göttingen und Nanjing, paritätisch besetzt mit deutschen und chinesischen Studenten) und ihre Profs, um einer Reihe studentischer Magisterarbeitsthemenvorstellungen beizuwohnen, und die Lehrer schwitzten dabei in Anbetracht einer Außentemperatur von 18 Grad Celsius nicht minder als die Prüflinge. Das war die Arbeit; heute nun das Vergnügen: Damit die Studenten ihre Professoren mal näher kennen lernen können, gehen wir gemeinsam essen. Vize-Dekanin Kong hat sich dazu was ganz Besonderes ausgedacht: Ein Restaurant namens Grüne Küche. Dafür müssen wir (die Studenten holen mich am Südtor ab) zwar mit Bus Nr. 65 eine halbe Stunde fahren, aber der Laden, erste Adresse für tibetische Mönche, die diversen Reinheitsvorschriften Genüge zu tun haben, hat es in sich: Tausend Köstlichkeiten auf dem Büfett und alles ohne Eier, Fleisch und Milch. Potemkinsche Dörfer: Die Leckereien sehen z.T. aus wie Krabben oder Fleischspieße – ist aber alles vegetarisch bzw. vegetalisch! Sogar der Kuchen. Sogar die Seife auf dem Klo soll rein pflanzlich sein. Da geht man doch mal extra aufs Klo! Die deutsche Studentin neben mir, die gestern noch über die hochspekulative Raum-Theorie referiert hat, sitzt nun in diesem ganz konkreten Raum und folgt immer denselben Vektoren: hin zum Büfett, zurück zum Tisch. Bei mir ist es ähnlich: Vor der Speiseeistheke (hier wurde aber doch Milch verwendet) erscheine ich so lange, bis die Bedienung auf einmal spurlos verschwunden ist. Danach bin auch ich verschwunden, aber nicht spurlos. Heute ist nämlich letzter Öffnungstermin in der Bibliothek und alle wollen sich mit Ferienlektüren versehen lassen. Außerdem stehen, als ich ankomme, bereits zwei Studenten vor der Tür. Sie müssen sich ihre nicht akzeptable Abschlussarbeit abholen und eine zweite Fassung schreiben.
