Putzerfische, Pistazien und Pampelmusen
Feiqian macht schlapp. Die letzten Stufen bis zum Aussichtspunkt mit der großen Antenne auf dem Gipfel der kleinen Hügelkette, die Wuyi säumt, muss ich allein bewältigen. Ihr steckt der Hongyan noch in den Knochen. Dabei macht sich die Sonne heute rar. Es ist dafür ziemlich schwül Mittags stärken wir uns beim Herrn Papa und ich lerne Feiqians fürsorgliche Großmutter kennen, die gemeinsam mit ihrem Sohn als Spezialität einen Fisch zubereitet hat. Feiqian zeigt mir auf ihrem tragbaren Computer noch ein paar Fotos von ihrer Reise nach Lijiang und Dali, wo ich ja auch schon war (2004). Danach machen wir uns auf zum letzten großen Höhepunkt der Reise: den heißen Quellen von Wuyi, einer Art Luxus-Kurbad. Man kommt sich vor wie in Bad Ems. In einer endlosen Folge von kleinen und großen Schwimm- und Planschbecken, deren Wasser aber mindestens immer Badewannen-, zuweilen auch Teekessel-Temperatur hat, warten hier Milch-, Kaffee-, oder Lavendelbäder und vieles andere mehr auf die Gäste, das meiste davon unter freiem Himmel mit Blick auf die immergrünen Berge von Zhejiang. Alles ist entweder gut für die Haut oder für die Gesundheit oder beides. Zunächst folge ich, während Feiqian das Milch- und Kaffee-Becken vorzieht, ihrem Papa und seiner jüngeren Tochter wagemutig in das Becken mit den Putzerfischen. Die kleinen Biester, so groß wie Stichlinge, geben einem zunächst einen Eindruck davon, wie es sich anfühlt, mit Piranhas dasselbe Nass zu teilen, denn sie sind ähnlich zudringlich, aber natürlich fressen die einen nicht mit Haut und Haaren, sondern sie begnügen sich mit kleinen Hautschuppen. Das soll gut sein für die Haut. Oder so. Jedenfalls habe ich danach dort, wo ich in Sanya beim Baden, von einer Welle umgerissen, am Arm verletzt wurde, zwei lange weiße Striche anstelle von schwarzbraunem Fibrin-Schorf und ich werde ungefähr zwei Wochen lang das Gefühl haben, dass es mich überall juckt, nämlich da, wo die Viecher sich an mir zu schaffen machten. Übrigens handelt es sich bei diesen Putzerfischen hier nachweislich um chinesische Exemplare, denn bei mir tummeln sich ungefähr drei bis viermal mehr von ihnen als bei den anderen im Becken. Ausländer in China – immer umringt von Neugierigen, ob Fisch, ob Fleisch! Später benutze ich zur Verblüffung einiger Kinder die zwei bis drei Meter lange Rutsche, stelle mich unter einen künstlichen Wasserfall und besuche noch das türkische Dampfbad. Dann in die Dusche, wo sogar das Shampoo gestellt wird. Es gibt noch einen kurzen Imbiss im Kur-Restaurant. Dann geht es heim zur Mutter. Dort lerne ich, nachdem Feiqian sich zum Vater verabschiedet hat (sie wohnt zumeist dort und muss noch packen, denn morgen um sieben geht es für sie nach Schanghai zum deutschen Konsulat), noch den Lebensabschnittsgefährten der Mutter kennen: Ich trete oben ins Wohnzimmer, als sie ihm gerade eine Spritze in den großen Zeh jagt, vermutlich Insulin. Ich bekomme noch Süßkartoffeln, Pampelmusen und Pistazien verabreicht, dann fährt mich der freundliche, leicht übergewichtige Herr mit der Injektion gemeinsam mit Feiqians Mutter zum Bahnhof. Abfahrt des Zuges (Sitzplatz 1. Klasse): eine halbe Stunde vor Mitternacht. Komisch, was juckt es mich denn überall? Also, diese Putzerfische, weiß nicht... Die putzen nächstes Mal vielleicht doch lieber das Klo!