Der verborgene Campus

In den vier Freistunden, die ich dienstags vor dem Nachmittagsunterricht habe, fahre ich diesmal nicht nach Hause, sondern folge einer schon im letzten Jahr von der Studentin Xiao Li ("kleine Li") ausgesprochenen Einladung an ihre Uni. Damals hörte sich das alles so einfach an: Ja, meine Uni ist auch in Xianlin, jenem Baugebiet im Osten der Stadt. Komm doch mal vorbei!
Nun stelle ich zum wiederholten Male fest, dass die Wirklichkeit immer etwas komplexer ist als die Theorie. Mit Hilfe von Zhengang, einem Studenten des Jahrgangs 08, die ich gerade unterrichtet habe, finde ich immerhin die Bushaltestelle, wo ich umsteigen muss, dann rufe ich die Studentin aus Guangzhou (Kanton) an und erfahre, wie ich die nächste Station erreiche. Dort steige ich dann auch selbstbewusst aus und erreiche ein Uni-Gelände irgendwo in der Walachei, das noch halb nach Baustelle aussieht. Ich lese Xiao Li den englischen Namen, irgendwas mit Nanjing und Technik, am Telefon vor und warte, den neuesten "Spiegel" aufgeschlagen vor mir, auf einem Stein am Eingang. Links ragt ein gelber Kran vor einem wie einst von Christo, nur in Grün, verhüllten Bau in die Höhe. Xiao Li ruft wieder an, sagt, sie stehe am Eingang, ich blicke zum Eingang, sehe aber keine Xiao Li. Ich sag': Dascha komisch! und gehe zur Bibliothek. Xiao Li auch. Doch es wird jetzt immer offensichtlicher: Wir bewegen uns in zwei Paralleluniversen. Denn wieder schauen wir beide in die Röhre statt einander ins Antlitz. Ich drücke auf Xiao Lis Anweisung hin mein Telefon einer vorbeihuschenden Studentin in die Hand. Die klärt mich auf, dass ich mich auf dem falschen Uni-Campus befinde, der richtige sei aber nur dreihundert Meter Luftlinie entfernt. Also nix wie hin. Dort am Eingang des NANJINGER INSTITUTS FÜR INDUSTRIETECHNIK stoße ich nach einer weiteren Weile des Wartens auf eine völlig entkräftete und verschwitzte Xiao Li, die gequält so zu lächeln versucht wie unten auf dem Foto. Ich habe sie mit meiner Fernmeldeversion von Schnitzeljagd über den halben Campus ihrer Uni gehetzt.

Nun zeigt sie mir in etwas größerer Ruhe jenes kleine Reich, das von ihr und jenen Studentenhorden bevölkert wird, die uns auf den Wegen rund um einen kleinen künstlichen See entgegenströmen – auf dem Weg in die Mensa. Dort landen nach unserem kleinen Rundgang um den See auch Klein-Li und ich. Zu uns gesellt sich noch Ray, der den "English Club" der Uni leitet und mich gleich als Referenten anheuert, sowie Rays Freundin Linda. Beide können mein Chinesisch überhaupt nicht verstehen. Also suche ich schließlich das Weite, denn in 90 Minuten muss ich ja schließlich wieder unterrichten. Aber wie man's macht, macht man's verkehrt: Xiao Lis Zweifeln zum Trotz sitze ich zwar im richtigen Bus, aber der Anschlussbus zu meiner Uni, der D1-Bus, kommt und kommt nicht an'n Laden. Ein ums andere Mal schau' ich verzweifelt auf die Nummern der ankommenden Busse und komm' mir vor wie ein Lottospieler, der sich sagt: Mal muss man doch gewinnen! Aber: dreißig, vierzig Minuten lang immer dieselben Nummern – alle falsch. Die Nerven liegen blank! Doch was lange währt, wird endlich gut. D1 hat ein Einsehen. Ich komme trotzdem vier Minuten zu spät zum Unterricht. Meine Studenten sind schon ganz verstört.