Oben gibt's den Himmel. Und ...?
Erst auf meiner Wanderung am Kaiserkanal entlang (das Kanalsystem hat Suzhou den Beinamen Venedig des Ostens eingetragen) treffe ich auf diverse Herbergen meiner üblichen Preisklasse, z.B. am Ende der Furengang-Straße.

Besonders angetan bin ich von einem Lese-Café, das über den Kanal gebaut ist. Wenn man den kalten Kaffee aus dem Fenster kippt, landet er gleich als Abwasser im Kanal – falls nicht gerade ein Gondoliere vorbeikommt... Ich schaue Rentnern beim Kartenspiel am Fischteich der Nord-Pagode Beisi Ta (errichtet 1576) zu und sehe aus angeblich 70 Metern Höhe die Stadt zu meinen Füßen liegen. Beim Nudelgericht im Straßenrestaurant an der Ecke werde ich die Attraktion der plötzlich wie Pilze aus dem Boden schießenden Arbeiter, die Touristen als Tischnachbarn sonst nicht erleben und denen ich erst mal erklären muss, warum mir die Universität Nanjing nur 4000 Yuan zahlt. Neugierig blättern die redseligen Jungs in meinem Lonely Planet aus den achtziger Jahren. Wenn ich den neben mir am Tisch nicht verstehe, schaue ich den jeweils anderen an, einer kann sogar ein paar Brocken Englisch und irgendwie kriege ich dann immer raus, was gerade die Frage war. Ärgerlich ist nur die feuchte Aussprache, die der eine hat. Ich befürchte: Der wird mir noch in die Suppe spucken.
Also setze ich lieber den Rundgang fort: Der Park zum Steinernen Löwen ("Shizilin") ist ziemlich touristenüberladen, da schaue ich lieber dem Blattfischer (also der Reinigungskraft) auf dem Teich bei der Arbeit zu. Oben in einem der Häuschen gibt es bunt bemalte Tonfiguren. Ich muss an die Belohnung für den steckbrieflich gesuchten Averell Dalton aus dem "Lucky-Luke"-Album "Vetternwirtschaft" denken: eine Gipsfigur. Abends lande ich vor den verschlossenen Toren des Pan-Tores und kann also weder das gut erhaltene Tor noch die Stadtmauer-Reste sehen. Ich wandere stattdessen weiter den äußeren, d.h. großen Kanal entlang. Den Uferpark erleuchten nach Anbruch der Dunkelheit bunte Lichter. In den Bäumen simulieren höchst originelle Lämpchen fallende Kometen. Hach, die Chinesen!... In der Kanalkurve gibt es einen künstlichen Wasserfall, angestrahlt in allen Farben des Regenbogens. Eine Zuschauerhorde steht dicht gedrängt in der Nähe dieses Spektakels am Ufer. Als ich näher komme, sehe ich, dass sie einem jungen Mann dabei zusehen, wie er seine Freundin oder Frau aus dem Wasser fischt oder sie davon abhält, sich in den Fluten zu versenken. Und ich denk', die schauen sich hier alle den Wasserfall an! Ich sehe wegen der Menschentraube nur die nackten Füße des Mädchens, die durch die schmale Betonreling hindurchschauen und eine verkrampfte Klammerhaltung einnehmen. Dazu ruft sie wiederholt: "Will nicht!" Jemand (ein Freund?) kommt mit wärmender Kleidung, ein anderer hat ihre Sandalen in der Hand. Dann war sie wohl doch schon im Wasser. Am Ende wird die offenbar Lebensmüde mit vereinten Kräften weggetragen. Man liest das jetzt immer öfter: In China sollen psychische Probleme im Zuge des Wirtschaftswunders zugenommen haben. Was lernen wir daraus? Ohne Damen keine Dramen! Ich ziehe weiter, sitze noch eine Weile am Wasser. Wie an einer Schnur aufgezogen schippern Drachenboote mit Touristen an Bord vorbei. Eine lärmende Horde Kinder, die denken, ich könne kein Chinesisch, berät sich neben mir, wer es wagt, sein Englisch an mir auszuprobieren. Zum Glück traut sich dann doch keiner. Ich stehe noch eine Weile auf einer der zahllosen Kanalbrücken, sehe den bunten Lichtern zu und lasse den Abend schließlich bei "Papa John's" Pizza ausklingen. "Better ingredients. Better pizza." Stimmt.
