Deutscher Nationentag in Schanghai

Schon wieder sitze ich im Zug gen Osten. Diesmal geht es zum Abendempfang anlässlich des Nationentages der Bundesrepublik in Verbindung mit dem Besuch von Bundespräsident Köhler bei der EXPO in Schanghai. Die Anreise verläuft mit den üblichen Holprigkeiten: Ich steige an der völlig falschen U-Bahnstation aus. Dann vergehen dreißig Minuten, in denen verschiedene U-Bahnbeamte, Schalterbedienstete und Straßenreinigungskräfte und Busfahrer mir versuchen deutlich zu machen, wie ich zum Kulturzentrum "Redhouse" komme, einer ehemaligen Fabrikhalle, die jetzt eine Skulpturensammlung beherbergt. Ich lande schließlich in Bus 911. Dort hilft mir eine schöne Chinesin über die Runden. Der Bus ist so voll, dass ich nicht mal zum Zahlen komme. Die schöne Chinesin zeigt mir noch mal von draußen vier Finger, als sie schon ausgestiegen ist: noch vier Stationen. Das kann sogar ich schaffen.
Noch voller als im Bus ist es auf dem Gelände des Skulpturenparks. In einem großen Zelt gibt es die Sicherheitskontrollen, die in China inzwischen schon so üblich sind wie eine Schale Reis. Ich sehe hier und da auch schon ein paar bekannte Gesichter. Das bekannteste Gesicht, das des Bundespräsidenten, dagegen lässt noch etwas auf sich warten. Es kann ja auch keiner ahnen, dass das schon einer seiner letzten Auftritte im Amt des Bundespräsidenten sein wird. Er kommt dann doch noch (ich habe inzwischen das Gelände und das üppige Büffet erkundet und einige Kolleginnen getroffen), hält eine Rede, die aus den üblichen Allgemeinplätzen besteht, lobt den fantastischen deutschen EXPO-Pavillon und die Mithilfe der kroatischen Nachbarn, ohne die vieles nicht möglich gewesen wäre. Schweigend daneben wie später bei der Rücktritts-Pressekonferenz seine Gattin Eva, unbewegt wie ein Fels in der Brandung. Dann lächelt er gewohnt breit und irgendwie erleichtert in die Kameras und macht Platz für die Sichuan-Oper von Shen Tiemei, der Opern-Ikone aus Chongqing. In einer Kurzfassung wird nach Bertolt Brecht, der ja als Autor des "guten Menschen von Sezuan" eine gute Beziehung zu Sichuan hat, das Stück "Der Kreidekreis" aufgeführt: ein kleines Kind, das ich schon vorher in Maske und Kostüm für Schnappschussjäger posieren sah, zwischen zwei Müttern. Danach sind als Walküren verkleidete ukrainische 1,80-Models zu bestaunen, die Werbung für die spektakuläre "Ring der Nibelungen"-Aufführung im Rahmen der EXPO (ab 16. September) machen. Am Ende kommt der Präsident noch mal auf die Bühne, um die vielen Künstlerhände zu schütteln. Ich wähnte ihn schon in den VIP-Katakomben verschwunden.

Schließlich gebe ich noch der Reporterin von Chongqing-TV (einer Art Hamburg-1) ein Interview und soll in die Kamera sagen, was für Gefühle ich beim Anschauen der Oper gehabt habe. Ich nutze die Gunst der Stunde und appelliere an alle Zuschauer: "Geht nicht mehr ins Kino! Geht in die Sichuan-Oper und rettet chinesische Kultur!" Wenn man so was sagt, wird man später wenigstens gesendet.
Den Rest der Zeit verbringe ich in der Nähe des Büfetts, das ein übereifriger Ordner schon ungefähr zehnmal schließen wollte, seitdem der Präsident das erste Mal angekündigt worden ist. Aus jenem Respekt vor der Würde des Amtes, den Köhler offenbar ja weithin vermisst hat. Mövenpick-Eis kann man hier, wie viele andere Dinge, wie Fleischgerichte und feinste Quark- und Schokokuchen, so oft und so lange vertilgen, wie man will, was ich auch tue. Endlich finde ich auch heraus, wer dieser lange, edel ausgestattete Herr ist, der mir so bekannt vorkommt, obwohl ich ihn ja wohl kaum vorher getroffen haben kann. Es handelt sich um Guido Buchwald, der da an einem Stehtisch steht (ich erkenne ihn an seiner quäkigen Stimme), vermutlich mit einigen Ex-Kollegen, die wie er gegen Mittag auf der EXPO an einem Fußballfreundschaftsspiel der Ex-Profis teilgenommen haben. Wie mir meine bierseligen Kollegen Ralf und Thomas vom Akademischen Austauschdienst in Schanghai später im Tanzpavillon, wo sich die Studenten in ihren orangenen Hilfskräfte-Klüften bei der überlauten Musik von Multiinstrumentalist Konrad Küchenmeister und des Hip-Hop-Stützpunktes Berlin (die können beides: Hip und Hop!) mächtig vergnügen, wie mir also meine Kollegen bei lauter Musik eröffnen, handelte es sich bei dem Mann am Tisch neben Buchwald um Olaf Marschall. Olaf wer? Tja, ihr Fußball-Profis, sic transit gloria mundi!
Schließlich mache ich mich mit Sabina (siehe sin-o-meter-Eintrag vom 26. September 2008) per Taxi auf den Weg zu ihrer Unterkunft und finde so ganz nebenbei heraus, dass der junge Mann, der ständig, auch jetzt im Taxi, in ihrer Nähe zu sehen ist, ebenfalls bei ihr nächtigt, allerdings im Gegensatz zu mir routinemäßig und in ihrem Schlafzimmer. Dafür kriege ich die nagelneue IKEA-Liege im Wohnzimmer und sage schon mal tschüs und danke, denn morgen werde ich ausschlafen.