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Freitag, 28. Mai 2010

Die rote Linie
Von DM, 23:59

Ich wurde vor Schreck ganz blass, als ich am Mittwoch von Studentin Eva in der Bibliothek davon hörte: Mein geschätzter Kollege Qin, mit dem ich mich gern rege über zeitgenössische Literatur austausche, ist bei Regen vor dem Eingang zur Uni unglücklich gestürzt und hat sich einen Arm und ein Bein gebrochen! Ich muss an meinen Fahrradunfall denken. Wie damals bei mir gab es auch hier keine Fremdeinwirkung, nur persönliches Pech. Qin fällt nun ein halbes Jahr aus. Am Nachmittag gehe ich mit Kollegin Chen ins Krankenhaus. Qin bekommt zwei Spiegel-Magazine und bestellt einige Reclam-Heftchen aus meiner Bibliothek. Die seien schön leicht, die könne er noch gut halten mit einer Hand. Neben ihm liegt ein älterer Herr, der wesentlich mobiler ist. Im Fernsehen laufen die French Open, es spielt Federer. Auch die Mama ist da, nicht Federers Mama, die Mama von Qin. Ein Vertreter der Uni ist auch mitgekommen - mit einem Geldumschlag. 20.000 Yuan muss Qin für den Krankenhausaufenthalt bezahlen, das ist der Nettolohn eines halben Jahres. Passt schlecht, wenn man gerade eine Eigentumswohnung erworben hat. Das chinesische System sei so, erklärt Qin: Da es keine Krankenversicherung im deutschen Sinne gebe, helfen Familie und die Uni aus. Es komme auf diesem Wege dann etwa die Hälfte der Kosten zusammen.
Wie meistens liegen Glück und Pech dicht beieinander: Abends sind wir bei einem glücklicheren Kollegen eingeladen. Er feiert Hochzeit. Es ist bereits der zweite Kollege, der in meiner Amtszeit als Nanjinger Hochschullehrer unter die Haube kommt. Ich bin spät dran und lande fast in der falschen Vorstellung. In verschiedenen Sälen laufen hier parallel gleich zwei oder noch mehr Hochzeiten ab. Heiraten im Akkord! Auch diesmal schlüpft die Braut im Verlauf des bunten Abends in drei verschiedene Kleider und auch diesmal kommen vor allem Kinder bei den zahlreichen Spielchen, die ich nicht verstehe, auf ihre Kosten. Der Conférencier macht den Witz des Tages: Heute sei ein besonderer Tag. Sogar eine neue U-Bahn-Linie sei zu Ehren des trauten Paares eröffnet worden! Das stimmt: Ab heute kann ich den Außencampus meiner Uni auch mit der Linie 2, der roten U-Bahnlinie, erreichen. Die Nanjinger U-Bahn stellt in punkto Optik und Komfort übrigens alles in den Schatten, was auf deutschen Stadtlinien so herumkurvt. Vor lauter Applaus fliegt mir von den Plastik-Klatschhändchen, die man zum Lärmmachen benutzen soll (ähnlich wie eine Rassel), die grüne Hand ab. Made in China. Zum Glück ist sie nicht weit geflogen und hat keinen Schaden angerichtet.
Wie beim letzten Mal ist auch diesmal nach zirka drei Stunden die Party so schlagartig aus, wie man ein Kerzenlicht auspustet. Ich habe noch richtig Probleme meinen "roten Umschlag" los zu werden, in den ich die obligatorischen Scheinchen gesteckt habe. Schließlich lasse ich, ehe ich zu Fuß nach Hause wandere, den Abend mit einem Streifzug durch den Park ausklingen, in dem das Luxus-Restaurant auf einer Anhöhe liegt.

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