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Samstag, 29. Mai 2010

Von fernen Theorien und blinden Verabredungen
Von DM, 23:59

Heute darf ich, allerdings nur als Zaungast, an einem Examenskolloqium des 2008 neu eingerichteten Magisterstudiengangs für interkulturelle Germanistik teilnehmen, der paritätisch von Göttinger und Nanjinger Studenten und Professoren besetzt ist. Insgesamt vier Studentinnen aus Deutschland tragen ihre Magisterarbeitsprojekte vor. Es beginnt eine Studentin namens Christina, die schon mehrfach durch ein hohes Theorieverständnis und die souveräne Beherrschung einer Materie aufgefallen ist, die uns allen, nicht nur mir, sondern auch meinen geschätzten Kolleginnen, wesenhaft fremd ist und uns, gelinde gesagt, total am Gesäß vorbeigeht. Es handelt sich um eine Studentin mit kulturwissenschaftlichem Hintergrund. Und der prägende Eindruck ist, dass sie uns alle in den Elfenbeinturm ihres praxisfernen, theorielastigen und vor allem für uns Germanisten total uninteressanten Forschungsmodells mitschleift, uns dort für die Dauer ihres Vortrags einsperrt und mit ihren abstrakten Begriffen als Knüppeln auf uns eindrischt, bis wir alle keuchend am Boden liegen und bereit sind, alles zu unterschreiben, was man uns vorhält. Ich fühle mich die ganze Zeit, als würde ich innerlich gegen irgendwelche Scheiben klopfen und rufen: "Holt mich hier raus!" Meinen Kolleginnen geht es nicht anders und die Chefin merkt in der anschließenden Diskussion sichtlich genervt an, ob das eigentlich noch viel mit Germanistik, mit Linguistik und Literaturwissenschaft also, zu tun habe. Man muss sich die Absurdität der Lage auch mal vorstellen: Vier chinesische Professorinnen und einer aus Deutschland, die nichts wissen, und eine Studentin, die alles weiß. Das nagt am Selbstbewusstsein! Ich versuche, meine eigene Inkompetenz mit geschraubten Ausdrücken geschickt verschleiernd, zu vermitteln und sage, dass das Thema über den Umweg der sich berührenden Theorien (ich meine: des überall gleichen abgehobenen, drögen Gelabers) von Kulturwissenschaft und Literaturtheorie natürlich schon Verbindungslinien zur Germanistik aufweise, jedoch nicht so viele mit Goethe und Schiller, womit traditionelle Germanisten naturgemäß mehr anfangen könnten. Zickenterror liegt in der Luft, als die Vertreterin der Universität Göttingen, eine stark zur Kulturwissenschaft tendierende Linguistin namens Bogner und die einzige Person im Raum, die dem Vortrag der Studentin noch folgen hat können, mir entgegnet, von Goethe und Schiller kämen wir ja selbstverständlich alle, und später mäßig dezent durchblicken lässt, sie könne den Einwand meiner Chefin "jetzt nicht so ganz verstehen". Fremdheit der Stimme lautet übrigens der Titel ihrer Habilitationsschrift. Ja, das passt jetzt irgendwie, oder? Wir befinden uns mitten im Kolloquium also mitten in einer Grundsatzdiskussion über die Inhalte des euphorisch, aber offenbar ohne gewissenhaftes Nachdenken über die Inhalte, mit scheinbarer, aber nicht wirklicher Einigkeit darüber, was hier studiert werden soll, aus der Taufe gehobenen Studiengangs. Die ehemalige Vizedekanin vermittelt: "Das ist schon eine sehr schwierige Thematik." Schließlich suche ich nur noch den Absprung, denn ich bin mit Cathy zum Sprachtraining verabredet. Da ich mit meiner Chefin noch etwas wegen der morgigen (mündlichen) Magisterprüfung zu besprechen habe, bitte ich sie kurz nach draußen in den Flur, woraufhin sie die Runde, in der sie ja eigentlich die wichtigste Vertreterin der chinesischen Seite ist, für rund zehn Minuten verlässt. Fast ein Eklat. Mit Cathy setze ich mich lieber in den obersten Stock des Cafés an der Shanghai Lu. Denn wenn die Kolleginnen nachher hier vorbeikommen und mich im Café sitzen sehen, kommt das ja vielleicht nicht so gut an. Cathy reagiert, nachdem ich auch schon fünfzehn Minuten zu spät erschienen bin, irritiert: „Wir können uns auch an einem anderen Tag treffen!“ Sie steht heute sichtlich unter Druck: Ihre Mutter hat für sie ein Rendezvous arrangiert. Der junge Mann hat auch schon mal eine SMS geschickt (eine Stunde vorher). Doch meine geschätzte Sprachpartnerin weiß schon jetzt, dass sie auf den Typen überhaupt nicht steht. Aber was soll sie machen: Ihre Mutter liegt ihr ständig damit in den Ohren, dass sie mal langsam unter die Haube muss. Jetzt liegt sie mir in den Ohren, damit, dass sie so was hasse. Dann schon lieber der 47-jährige Deutsche namens Rainer, der ihr seit Wochen mit einer fröhlichen SMS zum Tagesbeginn (täglich!) den Hof macht, meint Cathy, die, ehe sie andeuten kann, dass ich doch mitkommen könnte zu dem Treffen, sich von mir bereits eine Abfuhr eingehandelt hat: Ich zerstöre dem armen jungen Mann doch nicht den Abend. Das sei doch gegen die Spielregeln (soviel verstehe sogar ich davon)! Ich lerne den heiratswilligen Kandidaten, das "blind date", dann gegen sechs auch noch persönlich kennen. Also, ich finde ihn ja ganz nett! Aber meine Meinung ist hier wohl nicht so gefragt. Schon um neun schickt Cathy mir auf SMS-Anfrage die Mitteilung: "Hab' es bereits hinter mir. Sehr schrecklich!"

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