Alle Jahre wieder
Heute kann ich mich nicht so leicht aus der Verantwortung stehlen, denn heute sind meine eigenen Studenten dran. Sie müssen ihre Bachelor-Arbeiten "verteidigen". Im Grunde geht es für sie bei diesem mündlichen Prüfgespräch nur darum, den Nachweis zu erbringen, dass sie auch wirklich Ahnung von ihrem Thema und nicht nur einfach alles aus dem Internet kopiert haben. Ich prüfe zusammen mit meiner Kollegin Professor Chang ("Syntaktische Phänomene im Deutschen und Chinesischen"), in zwei anderen Räumen sitzen andere Professoren mit ihren Prüflingen. Am Schluss konferieren dann alle Professoren gemeinsam über die Noten. Besonders eindrucksvoll ist die empirische Arbeit von Gu Lingli (1. Reihe, 3. v. l.), die zwei Jahrgänge des SPIEGEL durchforstet hat, um zu zeigen, ob die Berichterstattung zu China wirklich so negativ ist, wie es immer heißt.
Traditionell gibt es danach eine Einladung der Studenten zum Abendessen. Ich habe das Glück, dass der Veranstaltungsort direkt gegenüber von meiner Wohnung im Ausländerwohnheim liegt. Wäre ich jetzt in meiner Küche, könnte ich dem feucht-fröhlichen Abschiedsfest von dort aus zusehen. Wie immer mündet alles in Gesangsvorträgen und den abschließenden nicht enden wollenden Fotografierexzessen. Bei der Gesangsrunde steuere ich (auf mehrmaligen Wunsch) textsicher "Alle Jahre wieder" bei, das passt ja irgendwie, erläutere ich, denn alle Jahre wieder verabschieden wir auf diese Weise unsere Absolventen.