Der Schönheitssinn in der Liebe von Hölderlin
Heute müssen die Magisterstudenten, sechs an der Zahl, in einem Sechs-Stunden-Marathon den Nachweis eigenständiger wissenschaftlicher Arbeit erbringen, indem sie ihre Arbeiten mündlich vorstellen. Doch bei der Arbeit der Studentin Yu über den Schönheitssinn in der Liebe von Hölderlin bleiben dann doch erhebliche Zweifel. Ein Zitat: "Wie froh und glücklich tönt es in dem oben angeführten Gedicht, wenn das liebende Herz des Dichters in der Wonne der irdischen Natur widerhallt. [...] In der Liebe fühlt man die Engelfreude und wallt man dadurch auf Gottes Flur." Ja, wer hat denn nun die Arbeit geschrieben? Yu Donghui oder Hölderlin oder gar sein frei herumschwebender Geist? Meine skeptischen Nachfragen bringen nicht die nötige Klarheit. Höhepunkt für mich sind sowieso nicht die Vorträge der Studenten, sondern der Umstand, dass ich nach einer Klo-Pause den Raum nicht mehr wiederfinde, weil ich zwischendurch rasch das Stockwerk gewechselt habe, um in meinem Briefkasten nach Post zu sehen. Ich muss meine Chefin in der Sitzung anrufen, um zurückzufinden. Die angespannten Studenten haben davon aber zum Glück nichts mitbekommen, als ich auf meinen Platz zurückschleiche.
Am Abend dann, alle sind gezeichnet von dem Prüfungsmarathon, der nächste Höhepunkt: Meine Chefin – jeder Betreuer ist für die Zeit der Prüfung des von ihm betreuten Studenten von der Sitzung ausgeschlossen – findet es gar nicht lustig, dass wir die Arbeit von Yu abgelehnt haben. Als sie zwei positive externe Gutachten ins Feld führt, kommt zum heftigen Disput zwischen ihr und meiner werten Kollegin Chang, die als Linguistin für die Betreuung der Arbeit über das Modalverb sollen zuständig war, die im Wesentlichen aus einer Kopie des gleichnamigen Buches von 1982 besteht und auch abgelehnt worden ist. Auffällig viele Beispielsätze über Politiker wie Schmidt oder Ehrenberg passen auch nicht besonders in das Jahr 2010. Ich verstehe von dem Streit, der immer lauter wird, nur so viel, dass Frau Chang natürlich nicht begeistert ist, dass ihre Studentin anders behandelt werden soll als die vermeintliche Hölderlin-Expertin, nur weil zwei externe Gutachter (die wohl nicht besonders gründlich gelesen haben) die Arbeit bereits durchgewinkt haben. Als Frau Professor Chang schon mit den deutschen Worten: "Ich protestiere!" (mit gerolltem R) den Prüfungssaal verlassen will, kann die Ex-Vizedekanin doch noch vermittelnd einschreiten und schlägt als Kompromiss vor, dass beiden abgelehnten Kandidaten zwei Wochen zur Überarbeitung ihrer Hausarbeiten eingeräumt werden.
Zu Hause recherchiere ich ein paar Sätze bei Google und schreibe folgende E-Mail:
Das Verfahren von Yu benutzen jetzt viele Studenten, nämlich "googlebooks". Da ja auch neuere Forschungsliteratur im Internet zu finden ist, z.B. auch das Buch von Dilthey "Das Erlebnis und die Dichtung", kopieren Studenten aus diesen Werken. Das ist an sich noch kein Problem, aber Yu hat viel zu viele Sachen ohne Verweis benutzt, ohne selbst viel Ahnung zu haben, worum es in diesen Texten geht. Das hat sich ja in der Disputation herausgestellt. Das von mir monierte Zitat auf Seite 12 stammt in der Tat von Hölderlin, nämlich aus dem Gedicht "Lied der Liebe". Was hindert die Studentin denn daran, so etwas als Zitat kenntlich zu machen?! S. 23f. stammt aus dem oben genannten Buch von Dilthey (S. 225f.). S. 47, Stichwort "Eryximachos" stammt aus einem Sekundärwerk von Ulrich Port. Die gesamte Arbeit ist also eine eklektizistische Komposition, deren Quellen leider in den Fußnoten so gut wie nie angegeben sind. Überhaupt muss man ja mal fragen, wo die Sekundärliteratur, die im (desolaten) Verzeichnis angegeben ist, im Text benutzt wird. In den Fußnoten finden sich fast keine Sekundärliteraturverweise. Ich finde, es ist doch angemessen, dass man diese saubere Quellenarbeit von einer Magisterstudentin einfordert.
Zitat Ende.