Michaels Memoiren
Heute bin ich mal dran mit Einladen: Michael, der gute Engländer von Nanjing (siehe Fotos Jahresrückblick am 15.1.), der ständig zu Partys einlud, als er noch nicht mit seiner dritten Frau vermählt war, trifft sich mit mir in seinem Lieblingsrestaurant Houcaller's nahe der Einkaufsmeile um den Konfuziustempel, wo er Stammkunde ist. Ich war vor etwa zwei Wochen schon mal mit Xiao Li in dem Viertel und habe Houcaller's dabei per Zufall entdeckt. Gestern habe ich das auf einem kurzen Ausflug noch mal verifiziert und heute traue ich mir zu Houcaller's im Alleingang zu finden, wofür ich aber früh aufstehen muss. Michael sitzt schon da, als ich das Restaurant um elf Uhr betrete. Ich sage: "Nachdem ich England im Fußball geschlagen habe, muss ich mal die Zeche zahlen!" Damit lenke ich geschickt von dem Drama gegen Spanien ab, das mich letzte Nacht jede Menge Nerven und Schlaf und uns bekanntlich die WM-Krone gekostet hat.
Also Themawechsel. Michael bringt mich auch rasch auf andere Gedanken. Dass er früher ein stinkreicher Kuchenfabrikant war, der mit exklusiven Fruchtkuchen für British Railways ein Vermögen gemacht hat, in Las Vegas mit Liberace und Sammy Davis Jr. auf Du und Du war und dort auch öfter mal mit den Jungs im Cesar's Palace Party gemacht hat, war mir in der Form bisher jetzt nicht so klar. Auch nicht, dass er seine erste Frau und eine Tochter um ein Haar bei einem dramatischen Autounfall verloren hätte. "There was not a bone left that was not broken!" Und dann der Absturz in den Achtzigern: British Railways hat aus irgendeinem Grunde monatelang Rechnungen nicht bezahlt, das Geschäft lief schlecht. Michael musste Konkurs anmelden. Er und seine Frau hafteten als Privatunternehmer komplett allein für alles und damit war die Party aus und die Immobilien alle weg.
Auch im Moment ist es gerade turbulent in Michaels Leben: Seine zweite Frau, die er erst vor ein paar Jahren hier in Nanjing ehelichte, liebe ihn nach der Scheidung vor einem Jahr immer noch, erklärt Michael, während die dritte, die gerade nach einer depressiven Attacke in Behandlung war, darüber natürlich "not amused" ist.
Einige Tage nach diesem Treffen wird mir Michael eine E-Mail schreiben und berichten, seine dritte Frau sei spurlos verschwunden und ihre Familie leider keine große Hilfe bei der Suche. Da kann man nur sagen: Es lebe das Single-Dasein!