Das Abschiedsgeschenk

Zum Abschied lade ich die Schriftstellerin Danyu noch mal zum Essen ein. Sie hat sich gerade per E-Mail wieder mit ihrer Internet-Bekanntschaft Chris, einem Engländer in Frankreich, versöhnt und ist jetzt einigermaßen zuversichtlich, dass sie ihn bald heiraten kann. So schafft sie es auch, diesmal beim Abschied nicht in Tränen auszubrechen, als ich sie kurz nach zehn ins Taxi setze. Denn sie fliegt am 2. August zum Studium nach Chicago. Für mich bedeutet das vor allem, dass ich künftig wieder so viele SMS bekommen werde, wie es einigermaßen normal ist. Ich habe ihr schon die Willow-Creek-Gemeinde ans Herz gelegt und musste mich dabei gegen einen Chicagoer Freund von ihr zur Wehr setzen, der ihr die Gemeinde als Vertreterin eines Wohlstandschristentums auszureden versucht hat. Damit war ich natürlich gar nicht einverstanden.
Ach ja, zum Abschied bekommen habe ich - sie nun wieder! - einen halben Jade-Armreif (zerbrochen) und ein chinesisches Duft-Dingens zum Aufhängen oder Herumtragen. Soll gegen Mücken helfen. Und: Ich muss versprechen, nichts davon weiterzuverschenken. Hintergrund dieser Forderung: Peinlicherweise habe ich Danyu soeben ein Lesezeichen angeboten, als sie mich ihrerseits um ein Souvenir von mir gebeten hat. Da fiel mir ein Lesezeichen aus Blech ein, das schon eine halbe Ewigkeit unbenutzt bei mir im Regal herumliegt. Danyu ist von dem Geschenk sichtlich wenig begeistert, denn: "I gave that to you!", empört sie sich. Das Teil habe ich wohl vor einem Jahr oder so von ihr selbst bekommen. Ich mime die Unschuld vom Lande: Wirklich, das sei von ihr?!? "Of course!", versichert sie und reißt sich schließlich zwei Schlüsselanhänger von mir unter den Nagel. Nun, ihr aktuelles Geschenk werde ich wohl auf jeden Fall behalten müssen. Oder will hier im sin-o-meter vielleicht einer 'n halben Jade-Armreif?