Sicherheitsrisiko
Am Flughafen treffe ich schon wieder die Familie von Michael und Linda (siehe Eintrag vom 3. Juli) - so ein Zufall! Als ich am Abend nach elf Stunden Flug in Frankfurt lande, gerate ich in gewaltige Schwierigkeiten. Mit einer letzten, ziemlich umfangreichen Skandalgeschichte verabschiedet sich das sin-o-meter in die Sommerpause. Sicherheitsgurte anlegen: Es knallt noch mal richtig!
Ich gestehe es: Ich bin ein Querulant. Also, es gibt da ja diese Sicherheitsüberprüfungen an jedem Flughafen. Da stehen so graue Kästen, in die muss man alles reintun. Ich habe es etwas eilig. In dreißig Minuten geht ja schon mein Flug. Ich habe mich schweren Herzens entschieden, diesen Flug von Frankfurt nach Hamburg planmäßig anzutreten. Mein eigentlicher Plan war ja, diesen Flug sausen zu lassen und von Frankfurt aus die Konferenz des Akademischen Austauschdienstes in Bonn aufzusuchen, zu der ich auch angemeldet bin. Aber ich sehe keine andere Möglichkeit: Ich muss jetzt doch nach Hamburg fliegen, weil ich die PIN meiner Postbank-Karte vergessen habe und meine EC-Karte 2009 abgelaufen ist. Ich habe gerade zweimal eine falsche PIN bei der Post am Frankfurter Flughafen eingegeben, beim dritten Fehlversuch ist die Karte gesperrt. Ich überlege hin und her, rufe zu Hause an, aber Mama kann die PIN oben in meinem Zimmer in meiner schwarzen Geldkassette auch nicht finden. Ich habe mich bei Ulrich in Hamburg angemeldet und mit den 3,40 Euro, die ich noch im Portmonee habe, komme ich mit der U-Bahn bis Hamburg-Langenfelde. Doch nun stehe ich vor diesem Sicherheitsfließband und denke, ich kann etwas Zeit sparen, wenn ich die Rentner, die da gerade mühsam ihre Sachen in die Kisten kramen mal schnell überhole und meine beiden Utensilien, wie immer ein Rucksack und eine Plastiktüte, einfach so aufs Band packe. Da schreit die Aufsichtsbeamte Alarm! Das könne ich nicht machen.
- Wieso?
- Weil... das geht nicht.
- Wieso nicht?
- Man muss die grauen Kisten benutzen.
- Wo steht das denn? Zeigen Sie mir bitte die Vorschrift, wo steht, dass man diese Kisten benutzen muss. Es geht doch hier nur darum, dass die Sachen irgendwie da durch gehen.
Meine Sachen sind schon auf der anderen Seite herausgekommen. Ein Bundespolizeibeamter ohne Mütze betritt die Szene.
- Wir sind hier die Vorschrift. Wenn wir sagen, Sie packen die Sachen in die grauen Kisten, dann ist das so.
- Aber das ist doch sinnlos.
- Wissen Sie, wer ich bin?
- Ja, Sie sind ein Vier-Sterne-General, das sieht man ja an der Schulter.
Genervtes Kopfschütteln.
- Da sind Rollen, da bleiben die Sachen eventuell hängen! Sie wollen doch auch nicht, dass was verloren geht!
- Wo sind denn da Rollen? Vor dem Röntgenapparat sind keine und unmittelbar am Ausgang der Röhre sind auch keine. Wie soll da was verloren gehen?
- Das ist ja nur für Ihre Sicherheit.
- Aber da geht ja nichts verloren. Die Sachen sind doch schon durch!
- Sie halten hier den ganzen Laden auf!
- Sie halten den Laden auf! Ich wäre schon längst mit allem durch, wenn Sie nicht dieses Theater mit den grauen Kisten aufführen würden. Wieso liegt mein Telefon da auf der anderen Seite? Müssen Sie noch prüfen, ob da eine Bombe drin ist?
- Was sagen Sie da? Sie haben eine Bombe? Sind Sie wahnsinnig? Sie haben sich soeben selbst zum Sicherheitsrisiko gemacht.
Der offenbar arabischstämmige Beamte Fatchat, ein Schild mit dem Titel "Supervisor" haftet an seiner Brust, macht mich auf den Ernst der Lage aufmerksam.
- Ich habe nur gefragt, ob Sie mein Telefon, das da unerreichbar auf der anderen Seite liegt, noch für eine besondere Untersuchung brauchen. Sie glauben wohl, da ist'ne Bombe drin...
- So ein Wort dürfen Sie hier niemals benutzen. Das ist ein sensibler Bereich.
- Wieso? Ist Bombe ein obszönes Wort? Wir leben hier in einem freien Land, da darf man jedes Wort benutzen, das nicht obszön ist. Wo sind Sie eigentlich geboren?
- Das geht Sie gar nichts an, wo ich geboren bin.
- Ich mein' ja nur, weil Sie von Demokratie offenbar so wenig verstehen.
- Bombe kann man hier nicht benutzen. Damit bringen Sie sich selbst in Verdacht!
- Ich gehe dreimal durch den Piep-Türrahmen. Kein Ton ertönt.
- Schauen Sie mal, wie gefährlich ich bin, es hat nicht einmal gepiept!
Der Vier-Sterne-General schaut sich meine Bordkarte an.
- Wo wollen Sie hin? Nach Hamburg? Sie glauben doch nicht, dass Sie da heute noch hinkommen.
- Das werden wir ja sehen.
- Sie fliegen heute nirgendwo mehr hin. Dafür sorgen wir schon.
- Naja, eigentlich will ich ja auch gar nicht nach Hamburg. Ich habe nur zu wenig Geld...
Demokratie-Experte Fatchat übernimmt jetzt das Ruder:
- Wir müssen Sie jetzt überprüfen. Bitte entleeren Sie Ihren Rucksack.
Ich entleere meinen Rucksack so, dass alle Sachen auf einmal auf dem Untersuchungstisch liegen. Einige Sachen fallen zu Boden.
- Sie wissen aber schon, dass Sie das auch wieder einräumen müssen?
- Das glauben Sie. Das räumen Sie alles schön selbst wieder ein.
Ich räume meinen Krempel, der kaum durchsucht worden ist, wieder ein.
- Ihren Pass behalten wir erst mal hier.
- Ja, ich gehe schon mal vor zum Flugsteig.
Am Flugsteig, ca. 15 Minuten später:
- Kommen Sie mal bitte? Wir teilen Ihnen jetzt mit: Die Lufthansa hat Ihre Bordkarte eingezogen, weil Sie als Sicherheitsrisiko eingestuft wurden. Sie werden jetzt von uns aus dem Sicherheitsbereich entfernt. Wenn Sie Widerstand leisten, werden wir Sie gewaltsam aus dem Sicherheitsbereich entfernen.
- Ja, dann will ich aber auch Handschellen, ich meine, als Sicherheitsrisiko! Hallo, ich bin ein Sicherheitsrisiko. Wenn ich ein Sicherheitsrisiko bin, wieso bekomme ich dann keine Handschellen? Hallo, ich bin gefährlich!
Der Vier-Sterne-General und sein übergewichtiger Kollege geleiten mich zum Ausgang.
- Wenn ich ein Sicherheitsrisiko bin, dann sind Sie eine Beleidigung für die Bundesrepublik Deutschland.
- Passen Sie auf, was Sie sagen.
- Passen Sie auf, was Sie sagen. Ich finde, dass Sie sich hier total unangemessen verhalten.
Der Vier-Sterne-General schubst mich, als ich auf dem Weg zum Ausgang kurz stehen bleibe, ich beschwere mich über die ruppige Behandlung und kündige eine Dienstaufsichtsbeschwerde an. Doch die Herren verweigern es, mir ihre Namen mitzuteilen.
- Gehen Sie weiter.
- Ach? Kommt sonst gleich der Knüppel aus dem Sack?
Ich deute auf den schwarzen Knüppel, der links am Gürtel baumelt. Nochmaliges Schubsen.
- So eine unsouveräne Problembehandlung, wie Sie sie hier an den Tag legen, habe ich auch noch nicht erlebt. Haben Sie nie was von Deeskalationsmechanismen gehört?
- Wir bringen Sie jetzt zur Tür und dann ist gut.
Die Herren geleiten mich wie versprochen zur Tür.
- So, ab wo jetzt? Ach, ab hier bin ich jetzt kein Sicherheitsrisiko mehr?
- Genau, ab da. Da oben ist die Regress-Abteilung. Da können Sie Ihren Flug umbuchen.
- Vielen Dank.
Und dort erfahre ich nun, dass ich meinen Flug gar nicht unterbrechen durfte und folglich auch mein Rückflug gestrichen ist. Das ist ja irgendwie noch ganz gut, dass ich das erfahre. Denn den Flug nach Hamburg wollte ich ja ursprünglich überhaupt nicht antreten. Wäre ich nicht zum Sicherheitsrisiko geworden, hätte ich das gar nicht erfahren.
Da ich kein Geld habe, übernachte ich auf dem Flughafen und muss dabei einmal umziehen, weil ein herrenloses Gepäckstück ebenfalls zum Sicherheitsrisiko wurde. Kommissar Rex ist auch im Einsatz. Am nächsten Morgen mache ich noch mal Stress bei der Postfiliale. Am Ende springen 20 Cent dabei heraus, die mir der ratlose Schalterbeamte aushändigt, weil er mir helfen will meine Zugfahrt zum Frankfurter Hauptbahnhof zu finanzieren. Das Geld reicht trotzdem nicht. Er hätte mir vierzig geben müssen. Die Fahrkarte kostet 3,80 Euro. Erst Sicherheitsrisiko, dann Schwarzfahrer! Auf dem Postamt am Hauptbahnhof sorge ich schon wieder für Stress und Schlangen.
- Es muss doch möglich sein, dass ein deutscher Kontoinhaber, der sich ausweisen kann, an sein eigenes Geld kommt!
- Wir können Ihnen nur sagen, was in diesem Fall vorgesehen ist.
- So eine PIN wird doch alle Nase lang vergessen!
Beantragung einer neuen PIN, Auflösung des Kontos, es gibt viele Wege nach Rom, aber alles dauert zwei bis drei Tage. Ich stehe also auf der Straße. Vor mir liegt der Kontoauflösungsantrag. Eine neue PIN habe ich abgelehnt: "Ich will den schlechten Service der Postbank nicht auch noch mit 8 Euro unterstützen!" Ich frage mehr aus der Verlegenheit heraus:
- Gestern habe ich die Geheimzahl zweimal falsch eingegeben. Wie viele Versuche habe ich jetzt noch?
- Pro Kalendertag drei Versuche. Sie haben also drei.
- Dann will ich noch mal auf gut Glück versuchen.
Viel Hoffnung habe ich aber nicht. Schon gestern geisterte eine Zahl durch mein Kleinhirn, eigentlich zwei Zahlen, sieben und acht. Aber wie wahrscheinlich ist es, dass ich daraus die richtige Kombination zusammenstelle? Sekunden später kann ich meine Euphorie nur mühsam im Zaum halten, die Leute hinter mir in der Schlange gucken schon und ich komme mir vor wie ein Zirkusclown, als ich ausrufe: "Das gibt’s ja nicht! Hat funktioniert!"
Ich reise mit dem nächsten Zug nach Bonn ab.