Zwei Minuten

Ich hätte in China bleiben sollen. Erst verschlunzen die meinen Rückflug und ich kann sehen, wo ich bleibe, dann verliere ich einen Prozess gegen die Comdirect-Bank, weil die einfach Wertpapiere für mich gekauft haben, obwohl sie das Geld von dem von mir angegebenen Konto nicht einziehen konnten und ich das im Gegensatz zur Richterin ("Herr Mertens, die Sitzung ist geschlossen!") und dem Anwalt der Bank ("unsägliche Ausführungen des Klägers") nicht für sinnvoll zu erachten vermochte. (Ich war in China und konnte das von der Bank vorgeschossene Geld nicht zurückzahlen, weil ich ja von dem Vorgang nichts wusste. Dann haben die einfach mein Depot geplündert, bis sie so viel Geld hatten, wie sie brauchten, und das mitten in der Finanzkrise zu den schlechten Kursen!) Wie sagte doch mein Kumpel Ede, Pastor im Mühlheimer Verband, bei dem ich bis einige Tage zu Besuch war: Zinsgeschäfte sind sowieso unbiblisch. Daran hätte ich mich mal halten sollen. Ede hat mich am Donnerstag zu einem Golfturnier in Lingen mitgeschleppt. Eigentlich sollte ich ja Caddy sein, aber Ede hat den Wagen dann doch lieber selbst gezogen. Sicher ist sicher. Ich bekam trotzdem ein Mars und eine Apfelschorle für den 6-Stunden-Tag. Dafür musste ich für den organisierenden Golf-Pastor Karsten G. (extra aus dem fernen Schwabenländle angereist) Fotos schießen, obwohl man mit so einer teuren Kamera ja an sich noch mehr Schaden anrichten kann. Mehr zu den christlichen Golfern, die dieses - übrigens von Ede gewonnene - christliche Golfturnier aus der Taufe gehoben haben, gibt es hier. Motto: Mehr Christen auf den heiligen Rasen!

Ansonsten gilt, so meine Erkenntnis vom satten Grün, für Golfer dasselbe wie für Fußballer:
1. Am wichtigsten ist auf'm Platz.
2. Auf'm Platz werden Christen wieder zu Menschen.
Zur Abwechslung hatte ich dann bei der Abreise heute Vormittag auch mal Glück: Die Sachen, die ich bei Ede auf'm Balkon zum Trocknen aufgehängt und nicht wieder ins Gepäck getan hatte, fielen mir sieben Minuten vor Abfahrt des Zuges wieder ein. Kann ich das noch schaffen? Nur wenn ich Carl Lewis und Ben Johnson in Personaluntion bin. Ich versuche es trotzdem, pfeffere meinen grünen Rucksack in die Ecke des Wartehäuschens, pese vom Bahnhof Brake zurück zum Hause Schulz, hechte mit spärlichen Erklärungen atemlos zurück in den ersten Stock mit dem aparten Gästezimmer, finde meine Wäsche und lasse meine besorgten Gastgeber mit den Worten: "Ist sowieso schon zu spät. Nehme ich eben den nächsten!" schulterzuckend zurück, düse so schnell, wie ich gekommen bin, wieder ab, sehe im Laufschritt einen Zug über die Eisenbahnbrücke vor mir rasen, der aber so schnell ist, dass es nicht meiner sein kann, und erreiche tatsächlich noch den Zug nach Herford, der mit zwei Minuten Verspätung einrollt. In Herford erreiche ich mit schlafwandlerischer Sicherheit den Anschlusszug. Als mich Martin, ein pensionierter Lehrer und werter Kollege aus gemeinsamen Yanjier Tagen, am Bahnhof in Empfang nimmt, finde ich nur lobende Worte für die Bahn, die ja heute kaum Verspätung hat - so was!