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Montag, 30. August 2010

Tante Lu oder: Schlimmer geht's immer! oder: Die Ewigkeit und ein Tag
Von DM, 23:59

Ich hab's ja immer gewusst: Das Leben ist eine grausame Satire mit mir in der Hauptrolle! Nein, es reicht nicht aus, dass ich immer noch mit der Zeitumstellung zu kämpfen habe, um elf todmüde ins Bett gehe, um zwei wach werde und bis kurz vor sechs putzmunter im Bett liege und die dunkle Decke anstarre, um neun (!) Uhr morgens werde ich dann auch noch brutalstmöglich aus dem Schlaf gerissen, weil es an der Tür klingelt. Ich denke, die Putzkolonne hat mal wieder den Reinigungstag verlegt, wanke zur Tür und vor mir steht - huhu! - in bester Stimmung: die Tante aus dem Bus (siehe Eintrag von vorgestern)! So schnell kann ich gar nicht gucken, so prompt steht sie in meinem Wohnungsflur. Und dass ich gerade noch geschlafen habe, völlig zerzaustes Haar, lässt sie völlig kalt. Ich frage: Was wolle sie denn hier? Sei sie gerade zum Einkaufen in der Nähe? Sie: Nö, ich wollte dich besuchen! Ich denke: Wie hat die mich bloß gefunden? Ich hatte ihr doch extra besonders unpräzise Angaben über meine Wohnung gemacht. Aber lügen kann ich ja nicht. Na, das wird sich noch ändern heute. Wie komme ich bloß aus dieser Nummer wieder raus? Kann mich nicht mal jemand von diesem Planeten beamen?
Also gut, sage ich mir, testen wir mal, wie viel die Tante (sie heißt übrigens Lu Subo, das habe ich seit zwei Tagen schriftlich) aushält. Kurz entschlossen, ohne Zähne geputzt oder meine Morgentoilette gemacht zu haben, fasele ich irgendwas von Notwendigkeiten und nutze die unerhört frühe Zeit, um fällige Erledigungen zu machen, z.B. im Auslandsamt der Uni vorstellig zu werden, wo ja einige immer noch unter Schock stehen dürften, weil ich mit meinen Lufthansa-Problemen per E-Mail alle in Atem gehalten habe. Aber die Wogen sind bei der langmütigen Miss Sophie rasch geglättet. Ich hoffe insgeheim, Tante Lu hat das endlose Palaver so gelangweilt, dass sie heimlich Reißaus genommen hat, aber Pustekuchen: Sie hat brav draußen vor der Tür gewartet. Huhu! Weiter in der sengenden Hitze des Vormittags zur Abteilung für Computerangelegenheiten. Ich brauche endlich eine erneuerte Internetverbindung (ohne die ich das hier auch kaum schreiben könnte). Ich muss jetzt alles mit der neuen Campus-Karte zahlen, erfahre ich hier, und bis zum 1. September warten, weil man immer 20 Yuan pro Monat zahlt, auch wenn man einen Tag vor dessen Ablauf mit der Internetnutzung beginnt. China wird Deutschland immer ähnlicher! Und Tante Lu hat wieder artig gewartet. Die nächste Angriffswelle auf ihre Strapazierfähigkeit rollt an: Ich muss mal eben einkaufen. Dazu gehe ich natürlich nicht in den Supermarkt um die Ecke, sondern steuere den am weitesten zu Fuß erreichbaren Carrefour nahe der Nanjinger Bibliothek in der Taiping Lu an. Ich gehe zu Fuß zwei Kilometer, Tante Lu schiebt ihren Drahtesel unbeirrt neben mir her. Nur wenn ich Zebrastreifen nutze wie in Deutschland gewohnt, bleibt sie erschrocken zurück und meint, das könne man in China nicht bringen, die Autofahrer seien hier rücksichtslos. Meine spezielle Technik, einfach Löcher in die Luft gucken, kann ich ihr nicht vermitteln, weil meine Sprachkenntnisse das nicht hergeben. Noch ein kurzer Umweg um die Bibliothek herum, wo es wenig Schatten gibt, denn jeder weiß: Chinesinnen fürchten die Sonne wie der Teufel das Weihwasser. Sonne beschädigt nämlich ihren schönheitsidealgemäß strahlend weißen Teint. Doch Frau Lu ist unbeeindruckt. Sie trägt ja auch diesen überdimensionalen Strohhut Marke "Hast du mich gesehen?", während ich unter der Hitze ächze. Ich schleppe sie in den Untergrund, wo sich der Carrefour ausgebreitet hat und willige sofort ein, Tante Lu meine kaputte Uhr zu überlassen, wegen der ich ja auch hier bin. Sie bedeutet mir, mal hinter der nächsten Ecke zu verschwinden, sicher könne sie mir einen viel besseren Preis beim Uhren-Eildienst besorgen, als wenn sich ein dummer Westler (so sagt sie das freilich nicht) da anstellt. Zehn Minuten warte ich hinter der Ecke, während sie mit dem Uhrmacher am Tresen seiner kleinen Boutique verhandelt, und kann nur erraten, was da abgeht. Dann bekomme ich meine funktionstüchtige Uhr ausgehändigt. Die Batterie aus meiner alten, kaputten Uhr konnte zwar wunschbedingt nicht eingebaut werden, die sei zu klein, aber immerhin hat mich Tante Lu damit für den ruinierten Vormittag zumindest ein bisschen entschädigt..
Unten im Supermarkt macht sie aber alles wieder zunichte: Erst mal kommt Tante Lu mit diesem gruseligen Einkaufswagen angewackelt, die benutze ich nie. Aus Prinzip. Trotzdem dackelt sie damit die ganze Zeit hinter mir her und schnappt sich die Sachen aus meinem Korb, legt sie bei sich rein. Ich hole mir die Sachen wieder. Kindergarten! Milchpulver kaufe ich ihrer Meinung nach viel zu viel. Ich sage: Damit komme ich nur sieben Tage aus! Hoffentlich hasst sie mich dafür. Tante Lu ist generell gar nicht so ganz einverstanden mit den Sachen, die ich kaufe, nimmt sie mir resolut wieder weg und ersetzt sie durch ihre Vorschläge. Ich denke nur noch: Hilfe! Was anderes kann ich gar nicht denken. Kompromiss: Ich kaufe gleich zweimal Natriumglutamat und das weiße auch in der von mir bevorzugten Menge. Ich brauche die für Spaghetti, erkläre ich und hoffe, Tante Lu schüttelt sich innerlich vor Ekel. Ich renne noch schnell zur Marmelade und bin vor Tante Lu dort. Sonst hätte sie vermutlich einzuwenden gehabt, dass die gar nicht gesund sei.
Wir sind wieder über Tage und ich denke schon seit Minuten darüber nach, wie ich Tante Lu ganz niederträchtig übers Ohr hauen könnte: Ich nehme einfach Bus Nr. 1 zurück zur Zhujiang Lu und Tante Lu guckt mit ihrem Fahrrad in die Röhre. Aber ich bringe diese doppelte grobe Unsportlichkeit dann doch nicht übers Herz. Auf dem Rückweg will Tante Lu eine meiner Taschen und meine zwei Kiwi-Flaschen in ihren Fahrradkorb legen, was ich mit der Begründung ablehne, ich bräuchte Muskeltraining, dürrer Kerl, der ich bin. Ich benutze also meine zwei mit einer Plastiklasche verbundenen Flaschen Kiwi-Nektar als Hanteln und - du ahnst es nicht! - zack! reißt mir die Lasche ab und die Flaschen purzeln wie Kegel auf den Boden. Siehste, sagt Tante Lu mit ihrem überlegenen Blick, das hätte ich dir gleich sagen können. Beide Flaschen landen in Tante Lus Fahrradkorb. Allmählich dämmert mir, dass ich auch mit dem Rückweg zu Fuß nur eines erreiche: dass ich selbst völlig fertig bin. Die Taschen hängen an meinen Armen wie zwei Kartoffelsäcke à 1 Zentner, ich schwitze wie ein Schwein am Spieß und Tante Lu lächelt. Ich überlege: Tante Lu dürfte so etwa fünfzig Jahre alt sein, das heißt, sie hat die Härten der Kulturrevolution, Landverschickung, harte Arbeit erlebt, als sie zehn bis fünfzehn Jahre alt war. Damals ist man auch nicht überall mit Auto hingefahren, sondern geradelt oder zu Fuß gegangen. Fazit: Tante Lu ist hart im Nehmen. Ich muss mir was anderes einfallen lassen.
Die Gelegenheit kommt prompt. Denn in der Changjiang Lu kann Tante Lu ihre Neugier nicht länger bezähmen und fragt, ob ich schon verheiratet sei (sie selbst ist geschieden, wen wundert's!). Ich sage, noch nicht. Aber mir ist vollkommen klar: Wenn ich Tante Lu jetzt was erzähle vom überzeugten Single-Dasein und so, also, das geht gar nicht. In China glaubt einem so was keiner. Da ist Verheiratetsein so wichtig wie eine Nase im Gesicht haben und genausogut könnte ich Tante Lu einen Gutschein über zwanzig Rendezvous zum Tee ausstellen (Erbarmung!). Ich muss Tante Lu also ein Märchen auftischen von einer bildschönen Dreißigjährigen, meiner großen und einzigen Liebe. Es gebe da nur noch ein paar berufliche Dinge, die uns trennten, sie in Deutschland, ich hier, aber 2011 oder 2012 - "Gott weiß, wann" - sei auf jeden Fall Hochzeit. Spätestens. (Selbst heiraten kann nicht schlimmer sein als drei Stunden mit Tante Lu!) Ich erfinde noch ein paar schwärmerische Details und kann sofort sehen, dass das die volle Breitseite war: Tante Lus Kinnlade klappt runter wie der Deckel einer Tiefkühltruhe im Gefrierwarengroßhandel. Diese Wirkung ist auch für mich erschreckend, denn ich wage kaum mir vorzustellen, dass Tante Lu tatsächlich, also... Lassen wir das.
Tante Lu findet schließlich doch noch die Sprache wieder. Als wir endlich wieder an meinem Wohnheim stehen, sage ich den Satz, den ich mir die letzten fünfzehn Minuten zurechtgelegt habe: "Tja, ich fürchte, ich muss dich jetzt verabschieden. Ich muss jetzt duschen und danach zur Arbeit!" Duschen ist das Codewort für die seit drei Stunden (gefühlt: drei Tage) schmerzlich vermisste Intimität. Ich hoffe, Tante Lu erkennt das. Tut sie, lässt sich aber nicht davon abhalten, mir noch die beiden Flaschen Kiwi-Nektar raufzutragen. Dann ist aber auch gut. Sie kriegt noch eine Visitenkarte von 2003, wo meine Yanjier Adresse und - übergeklebt - die Telefonnummer des Büros unseres Nanjinger Instituts draufstehen, wo ich mich so gut wie nie aufhalte. Dann kann ich die Tür hinter Tante Lu schließen. Hoffentlich für immer.
Mensch, Mensch, Mensch! Und ich dachte, die anstrengende Autorin, von der hier im sin-o-meter auch schon die Rede war, sei die GAN, die größte anzunehmende Nervensäge. Jetzt weiß ich: Schlimmer geht's immer!

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