Gehe auf Los und ziehe 8000 Mark ein!
Cathy lacht sich erst mal halb tot, als ich ihr das Abenteuer mit Tante Lu erzähle, das mir immer noch nachhängt. Wir treffen uns zum Sprachkurs in meiner Bibliothek (wegen der Klimaanlage in erster Linie). Und sie kriegt sich gar nicht wieder ein. Natürlich bin ich für sie mal wieder selbst schuld. "Why did you give her your address?" - "I thought I did not describe well!" Außerdem sagt sie mir auf den Kopf zu, dass, wenn Tante Lu jünger und schöner gewesen wäre, ich wohl kaum so viel an ihr auszusetzen gehabt hätte, das beweise ja meine Toleranz gegenüber "Drama Queen", die bekanntlich auch nicht gerade ein Nerven-Tonikum war. Tja, was soll man gegen so bestechende Logik einwenden? Und meine unbarmherzige Sprachpartnerin macht mir auch wenig Hoffnung, dass Tante Lu sich so leicht abschütteln lassen wird. Leider wird sie Recht behalten.
Doch vorher gibt es noch was Angenehmes: Das Kollegium kommt abends um sechs direkt vor meiner Haustür zum Essen zusammen. Anlass sind zwei deutsche Gäste: eine Hochschulvertreterin aus Göttingen und die junge deutsche Autorin Svealena Kutschke, die mit der alljährlichen Kurzzeitdozentur bei uns in die Fußstapfen von Nora Bossong (sin-o-meter berichtete vom 11.9. bis 1.10.2009) tritt und wieder ein paar Unterrichtsstunden übernehmen wird. So gut wie mit Nora werde ich mich mit Svealena aber nicht verstehen. Die junge Künstlerin, der jeder sofort ansehen kann, dass ihre Lieblingsfarbe schwarz ist, bringt es fertig, noch vor dem Essen, dessen Entree schon auf dem Tisch steht, zwei Fluppen durchzuziehen, und lässt dann die versammelte Runde an ihrer momentan größten körperlich-seelischen Not Anteil nehmen: Wie kann ich hier in China meinen Cappuccino kriegen? Frau Kong empfiehlt ein Grüntee-Surrogat. Na, denn Prost! Ich kriege eine Joghurt-Milch.
Die Vizechefin des Fachbereichs hat mir dann noch eine regelrechte Skandalmeldung zu vermitteln, die auch nur zwischen Tür und Angel reinpasst in diesen netten Abend. Sie möchte es mir möglichst schonend beibringen und lässt den Kollegen Chang das Drama enthüllen, dass alle Studenten des zweiten Jahrgangs von der Glücksfee geküsst wurden: Die Tante vom Prüfungsamt, die die Noten in den Computer eingibt, hat die Ergebnisse der mündlichen Prüfung (rechte Spalte des Zensurenblattes, dessen akribisches Ausfüllen mich am Ende jedes Semesters schier an den Rand des Wahnsinns treibt, weil ich mich so oft verschreibe) als Endnoten (vorletzte Spalte des Zensurenblattes, das mich jedes Mal Schweiß und Tränen kostet) eingetragen. Alle haben bestanden, und zwar mit durchschnittlich zehn Prozentpunkten über dem eigentlich von mir festgelegten Notenwert. Das ist ungefähr so, wie wenn man bei Monopoly direkt auf "Los" kommt, 8000 Mark einstreicht und vorher befürchten musste, auf Schlossallee und Parkstraße in den Ruin getrieben zu werden. Das ganze Leben ist ein Spiel und wir sind nur die Kandidaten! Und ich weiß wenigstens, wofür ich hier wochenlang korrigiert habe! Immerhin spare ich mir zwei Nachprüfungen. Abends in meiner Wohnung klingelt das Telefon so hartnäckig wie einst bei Danyu (die offenbar auch schon mal angerufen hat, ich sehe das an der US-Vorwahl). Das heißt, es klingelt gar nicht! Ich habe in weiser Voraussicht schon mal auf "Stumm" geschaltet, es leuchtet dann nur noch. Da Tante Lu so umsichtig war, mir alle ihre Nummern aufzuschreiben, kann ich gleich alle Zweifel ausräumen. Als das Leuchten vorbei ist, speichere ich die Nummer auch gleich ab, aber keineswegs unter Tante Lus Namen... Immer wenn Tante Lu anruft, wird von heute an auf meiner Anzeige zu lesen sein: "Nicht rangehen ruft an!"