Du, die Wanne ist voll!
Ich weiß, ich soll nicht immer so viel kalauern, aber ich denke, einer geht noch: Heute war erst das Maß voll und dann die Wanne. Und das ging so: Eigentlich sollte ja heute die große Nachprüfung stattfinden – für alle im letzten Semester durchgefallenen Studenten. Ich habe extra einen Raum reservieren lassen, doch dann macht es BUMM, denn ich knalle die Tür hinter mir zu. Die nicht gerade übereifrigen Studenten haben mir gerade anvertraut, dass sie meine E-Mail mit dem Text, der Grundlage der Prüfung ist, nicht erhalten hätten, weil sie heute keine E-Mails abgerufen hätten. "Lesen Sie nie E-Mails? Keiner?", feuere ich den Einsilbigen mehrfach entnervt entgegen und ziehe die erbarmungslose Schlussfolgerung: "Sie können nach Hause gehen. Ohne Text keine Prüfung. Kurs wiederholen." Dann der schon genannte Türknall. Zugegeben, die zwölf Seiten "Spiegel"-Reportage, die innerhalb von 3 Stunden von den vier Kandidaten zu lesen waren, waren schon eine Zumutung, die die armen Studenten zu Recht in schiere Verzweiflung stürzte. Aber das war auch so geplant: Wer vorher die Leistung nicht erbringt, muss leiden.
Die Vize-Institutsleiterin eilt mir ins Büro hinterher, um erfolgreich zu vermitteln. Große Kompromisslösung: Wir verschieben die Prüfung auf morgen, gleiche Zeit. Heute wird die Prüfung für einen anderen Kurs geschrieben. "Entschuuldigung, Entschuuldigung, Herr Meh'ens", stammelt der saumselige Liu wiederholt, der mir vor Monaten eine E-Mail geschrieben hat mit der Erläuterung, er habe eigentlich Chemie studieren wollen und Deutsch liege ihm folglich nicht so. Ich schüttele nur mit dem Kopf, innerlich gebrochen wie einst mein Englischlehrer, wenn jemand seine Hausaufgaben ganz schlecht erledigt hatte.
Da also langes Prüfungsüberwachen entfällt, bin ich rechtzeitig zu Hause zum zweiten wichtigen Termin heute: zur Taufe. Nicht zu meiner Taufe natürlich, sondern zu der eines jungen Mannes namens Bin. Er wagt heute den großen Sprung nach vorn, den in das Himmelreich, und meine Badewanne lag einfach strategisch günstig in der Nähe. Es hat ja nicht jeder so eine Wanne. Ich bin privilegiert. Quasi. Mein Tennispartner Peter hat das vermittelt. Er hat vorher schon ein halbes Dutzend mal angerufen und den Termin zweimal verschoben. Aber heute lotst er die ganze Delegation erfolgreich in meine bescheidenen vier Wände. Ein junger Amerikaner namens Andy spricht ein paar Einleitungsworte, während sechs oder sieben junge Chinesen im Kreis auf dem Boden meines Wohnzimmers sitzen und schwitzen. Nur einer, dem wird gleich eine willkommene Abkühlung zuteil werden. Ich lasse schon mal Wasser ein. Dreimal renne ich rein und raus, um zu sehen, ob die Wanne schon voll ist. Dann ist die Wanne voll und ich gebe das Startkommando. Bin zieht sich im Badezimmer um und dann treten wir in mein Bad wie in den Altarraum einer Kathedrale. Ganz in Weiß gleitet Bin hinab in die kühlen Fluten meiner Wanne, weil Andy, der junge Laien-Pastor, ihn untergegluckert hat. Als Bin nicht mehr tropft, singen wir noch in kleiner Runde "Amazing Grace, how sweet the sound that saved a wretch like me!" und tauschen ein paar Bibelverse aus. Danach wird für Bin gebetet – alles ganz spontan. Wenig später verabschiedet sich der Trupp. Das Wasser werde ich dann mal über Nacht stehen lassen und morgen früh zweitverwerten. Es ist ja morgens immer so heiß in meiner Wohnung. Da kühlt man sich gerne noch mal vorm Unterricht ab. Man mag ja auch nichts verschwenden. Ich hoffe, das ist theologisch einwandfrei. Ich denke, das ist so ähnlich wie mit dem Abendmahlswein. Davon bleibt auch immer was übrig und das schüttet man dann ja auch nicht einfach weg.