Die leere Muschel
Ist mir ein komplettes Rätsel, was das wieder soll, aber im Bus mir gegenüber sitzt ein Opa, dessen Unterschenkel, die unter den weit aufgekrempelten Hosenbeinen hervorlugen, komplett in Frischhaltefolie eingewickelt sind. Soll das vielleicht eine Therapie gegen Krampfadern sein?
Ein Rätsel ist mir auch, wie ich mal wieder auf vage Vermutung hin in einen Bus steigen konnte, der womöglich gar nicht ans Ziel führt. Tatsächlich fährt er an einem der schwangeren Auster von Berlin nicht unähnlichen Gebäude vorbei, das nach Messehalle aussieht. Ich steige aus und schreite bei sengender Sonne über den Zebrastreifen einer mehrspurigen Hauptstraße. Doch die schwangere Auster entpuppt sich als leere Muschelschale. Weit und breit nichts los. Keine Autos, keine Menschen. An den Wänden bröckelt schon überall die weiße Farbe ab. Dann war es wohl doch das andere Messegelände weiter nördlich.
Dem Ostufer des Xuanwu-Sees folgend nähere ich mich dem International Exhibition Center, doch auch hier ist alles wie ausgestorben. Immerhin werden aber erste Spuren der Bildungsmesse erkennbar. Ich muss nur noch mal 500 Meter um das ganze Gebäude herumwandern, ehe ich am Südeingang des Geländes auf herandrängende Menschen stoße und schließlich erst auf Dr. Hai mit meiner besten Studentin an seiner Seite hinterm Stand und schließlich auch Wu Jing und ihre Kollegin in dem Ausstellungsgetümmel finde. Nebenan steht das Goethe-Institut, bestückt mit meiner Studentin Eva, die ein Praktikum dort macht. Wir sind hier quasi ganz unter uns. Vermisst hat mich bisher niemand. Und zur Belohnung für meine Verspätung wird mir erst mal ein Mittagessen serviert.