Beeplog.de - Kostenlose Blogs Hier kostenloses Blog erstellen    Nächstes Blog   


 

Du befindest dich in der Kategorie: Allgemeines

Dienstag, 28. September 2010

Blut- und Eisen-Tauben in der Randzone
Von DM, 23:59


Die schon erwähnte Autorin Svealena Kutschke und die ebenfalls schon im sin-o-meter erwähnte Autorin Lu Min (auf dem Foto rechts und links von mir), die - wir erinnern uns - mich vor einem Jahr zum "Pfingstrosen"-Ballett entführt hat, werden heute vom Goethe-Institut im Café "Sculpting on Time" nahe der Uni zu einem deutsch-chinesischen Duett zusammengeführt. Die doppelte Dichterlesung steht unter dem beziehungsreichen Motto "Randzone und Hauptströmung". Für die Organisation des Abends waren maßgeblich meine Studenten des letzten Studienjahres zuständig, die auch mehr als die Hälfte aller Gäste in dem Café-Separée stellen. Und ich lasse es mir, nachdem ich schon die Arbeitsübersetzung des Textes "Blut- und Eisen-Tauben" an die Bedürfnisse deutscher Leser anpassen dufte, nicht nehmen, die deutsche Fassung der Lesung vorzutragen. Und hier exklusiv und nur im sin-o-meter auszugsweise eine Vorveröffentlichung der Novelle von Lu Min über die Lebenskrise des Herrn Mu:

Die Tauben verweilten auf dem Dach des Hauses gegenüber. Ihre zierliche Körperhaltung, der feine, ständig in der Drehbewegung rochierende Kopf, der Bauch mit seiner vollen Bogenlinie: ein Anblick von außerordentlicher Eleganz und Schönheit! Sie hoben sich empor, sie flogen hinab, sie kämmten mit dem Schnabel ihr Gefieder, sie flogen kreuz und quer durch die Lüfte, sie entflogen plötzlich seinen Blicken. Dass sie so stolz und ungeordnet durch die Luft segelten und unkontrolliert verschwanden, das löste geradezu Neidgefühle in ihm aus! Auf einem abgesperrten Balkon wie mancher im Zoo eingesperrte Primat stand also der 47-jährige Herr Mu mit geneigtem Kopf – und er konnte nicht umhin, eine Person zu vermissen, und zwar so sehr, dass es weh tat, und das war: er selbst vor einigen Jahren, als er noch jung war. Dieser Mu war witzig und ziemlich eigen! Damals führte er ein hemmungsloses und unbeständiges Leben, erfüllt von Staub und Unwetter. Er missachtete Regeln und Werte, vergeudete vibrierend vor Energie seine Zeit! Er hatte ein Gedicht in 260 Versen, aber ohne einen einzigen Reim geschrieben; er widmete es einem knochendürren Hund. Er hatte sich mitternachts aufgemacht, über die Yangtze-Brücke in Nanjing zu rennen, die Dienst habenden Soldaten auf den Fersen, die ihn hernach streng verhörten. Er hatte an eine nicht besonders gut aussehende Kollegin einen anonymen Liebesbrief geschrieben, herzlich und leidenschaftlich, und dann selbstzufrieden beobachtet, wie sie nach zehn Jahren mit derselben Frisur plötzlich eine neue hatte… Dieses Ich, wann war dieses Ich gestorben? [...]
Als er den Blick wieder den Tauben zuwandte, war der Platz leer. Die Nacht kam und sie flogen gemeinsam zurück zu ihren Nestern. Das Dach vor seinen Augen wurde wieder zu der bekannten Alltagswüste. Ein x-beliebiger Ort auf dieser Welt, keines Blickes würdig. Als Herr Mu sich umwandte, fiel ihm eine letzte Taube ins Auge, die sich im Gleitflug treiben ließ. Das dekorative Muster auf ihrem Rücken ließ die Umrisse eines schwarzen Halbkreuzes erkennen, das ihm mitzuteilen schien: Falsch! Falsch! Falsch! Sie hielt sich am Rand des Daches und gurrte in zarten Tönen. Im vergehenden Licht schimmerten die verschiedenfarbigen Federn auf ihrem dünnen Hals auf berückende Weise.


Leider muss wegen der vorgerückten Stunde die Einladung der Uni zu einem Festessen anlässlich des Nationalfeiertags am 1. Oktober ausfallen. Liu Chao macht von ihrem Platz aus schon immer nervös Zeichen. Aber ich als Künstler bei der Arbeit muss das natürlich ignorieren! Ich gehe kurz vor meinem Einsatz zu ihr und bitte sie, mal für mich zum Ausländereinsammelbus zu gehen und mitzuteilen, dass ich (noch) nicht kommen könne. Mit Diskussion und Fragen im Anschluss an die Doppel-Lesung vergeht so viel Zeit, dass ich das Festessen schließlich komplett sausen lasse, obwohl Yang Liu gerade eine SMS von Liu Chao bekommen hat, ich könne später kommen. Später - für mich ist das die Weihnachtsfeier. Denn Kollegin Chen, die Autorinnen und die Studentinnen im Betreuungsdienst bleiben noch zum Abendessen in dem Café. Da ist doch für mich sicher auch noch Platz, z.B. gleich neben Lu Min, die ich ja länger nicht gesehen habe... Nur wo bleibt Liu Chao?
Die treffe ich eine geschlagene Stunde später im Eingangsbereich meiner Unterkunft. Da ich mein Telefon nicht dabei hatte, konnte sie mich nicht mehr erreichen. "Ist doch klar, wo ich war", sage ich. "Wieso kommst du denn nicht wieder rein?" Ja, weiß sie auch nicht so genau. Sie hatte sich wohl innerlich auf das geplante Festessen eingerichtet. Das wäre ja auch wirklich schön gewesen, aber man kann im Leben nun mal nicht alles haben.

[Kommentare (0) | Kommentar erstellen | Permalink]




Kostenloses Blog bei Beeplog.de

Die auf Weblogs sichtbaren Daten und Inhalte stammen von
Privatpersonen. Beepworld ist hierfür nicht verantwortlich.

 

Navigation
 · Startseite

Login / Verwaltung
 · Anmelden!

Kalender
« Februar, 2026 »
Mo Di Mi Do Fr Sa So
      1
2345678
9101112131415
16171819202122
232425262728 

Kategorien
 · Alle Einträge
 · Allgemeines (415)

Links
 · Kostenloses Blog

RSS Feed