502!
"Was ist denn das? Da ist ja gar nichts!", stellt meine ehemalige Studentin Liu Chao, Absolventin anno 2007 und seit gestern Abend wieder mal bei mir zu Gast, ernüchtert fest, als sie den Platz der ehemaligen Ming-Stadt beschreitet, einer Art Verbotener Stadt von Nanjing. Leider sind die Gebäude vor ein paar Hundert Jahren abgebrannt. Was bleibt, ist ein leerer Platz, gesäumt von zwei Portalen im typisch chinesischen Stil. "Das hätte ich dir gleich sagen können, aber du wolltest ja unbedingt hierher!", erwidere ich. Außerdem müsse man das Positive sehen: Zwar sei hier nichts zu sehen, dafür sei aber der Eintritt auch frei, was ja in China nichts selbstverständlich ist. Letztes Jahr, als Liu Chao zu Gast war, waren die Ming-Gräber eine Baustelle, also nichts zu sehen für 70 Yuan! Wir traben mithin genügsam über den Platz und schießen ein Foto.

Ich bin etwas zermürbt, denn heute Vormittag musste ich unterrichten, um den Unterricht für die freie Woche ab dem 1. Okt. "vorzuholen". Aber für den Nachmittag habe ich meinem werten Gast eine Erkundungstour zugesichert. Das kann sie dann von dem Drama mit der Zugfahrkarte ablenken. Wegen des Feiertagsreiseverkehrs hat die Geplagte nur eine Stehplatzkarte nach Xian zu ihren Eltern bekommen: 24 Stunden stehen! Zum Glück ist das Nanjinger Museum nur einen Steinwurf entfernt und Liu Chao versinkt in einem Traum aus Jade. Jade über die Jahrhunderte ist nämlich der Gegenstand einer der hier zu besichtigenden Sammlungen. Mit leuchtenden Augen und widerwillig verlässt Liu Chao erst zum Dienstschluss der Museumswärter den Saal.
Das Drama mit der Luma
Es dämmert und damit wird es Zeit, sich um substanziellere Dinge zu kümmern: Ich brauche Kleber für die Luftmatratze, der heute Nacht die Luft ausgegangen ist. Selbstverständlich schläft Liu Chao als Gast auf meiner Matratze, ich nehme mit der Luma vorlieb. Nur die hat ein Loch. Wir machen uns auf zum Fahrradreparaturladen am Ende der Hankou Lu und Liu Chao fahndet für mich nach dem Wunderkleber Wulinger (502). Den bekommen wir dann auch. Dazu auch leihweise eine Bürste zum Aufrauen. (Ich habe die Luma auf dem Arm.) Zu Hause drücke ich dann den Flicken minutenlang auf die Fläche mit dem 502. Tja, und da haben wir den Salat: Zum zweiten Mal seit der Abtauaktion in meinem Hamburger Kühlschrank vor ca. zehn Jahren (damals war ich mit der Hand im Eisfach festgefroren) hänge ich fest! Ich habe mich mit Superkleber 502 an meine marode Luma geklebt. Unter Stöhnen und Ächzen löse ich mich wieder ab. Etwas Haut bleibt hängen und mein Daumen und Zeigefinger sind schwarz. Eine Symphonie in Moll aus Haut und Gummi. Nun aber flugs die Luma aufgepumpt. Der Flicken hält. Dennoch zischt es. Ernüchtert muss ich bilanzieren: Noch ein Loch! Luft wieder raus, nächster Flicken. Diesmal nehme ich Plastikfolie als Trennmittel, um nicht wieder festzuhängen. Aber der Flicken hält nicht: Es fehlt die Bürste zum Aufrauen, doch der Fahrradladen ist längst dicht. Liu Chao hat die rettende Idee: Nagelfeile. So was hab' ich zwar nicht, aber in dem Manikür-Set, das ich anlässlich der Bildungsmesse (sin-o-meter berichtete) geschenkt bekommen habe, da gibt es einen Nagelknipser mit eingebauter Feile. Frisch ans Werk! 502 zum Dritten, Flicken hält! Es ist inzwischen auch Zeit fürs Bett. War ein langer Tag. Aber das Leben ist grausam: Nach einer Stunde liege ich schon wieder wie auf Wackelpeter. Damit ist auch aus meinen Flickwerk-Ambitionen endgültig die Luft raus!
Aber damit ist noch lange nicht Schluss: Ich stecke in diesen Tagen mittendrin in einer gnadenlosen Alles-geht-kaputt-Pechsträhne: Der CD-Spieler sagt von heute auf morgen keinen Mucks mehr, dasselbe gilt für meinen Wasserkocher. Es ist, als hätte der Zyklostrahl des Zyklotrop aus
Spirou alles lahm gelegt. Mein Tennisschläger war von Anfang an Schrott. Und schließlich noch hat Liu Chao meinen Duschvorhang zerrissen, nein, man muss es so drastisch sagen: zerfetzt. Schon klar, es gab da einen kleinen Riss rechts außen schon vorher, aber jetzt sieht er aus wie nach der Messerattacke aus
Psycho.