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Donnerstag, 30. September 2010

Die Elite des Landes
Von DM, 23:59

Letzter Tag vor den Oktoberferien. Auf dem Rückweg von der Uni spreche ich mit dem Kollegen Chang. Aufmerksame Leser erinnern sich sicher noch an den Eintrag "Ein schweres Geschenk". Genau, es ging um eine Studentin, die bei mir auch in der Nachprüfung kein so richtiges Erfolgserlebnis verbuchen konnte. Nun haben wir noch eine mündliche Nachprüfung anberaumt, die eben dieser Kollege Chang durchgeführt hat. Aber auch er musste feststellen, dass selbst elementares Wissen fehlt. Nun fragt man sich, warum die Studentin sich nicht wenigstens auf diesen klar segmentierten Prüfungsteil zum Thema Konjunktiv 1 mal so vorbereitet, dass sie gut aussieht, und befindet sich mittendrin in einem klassischen Kulturphänomen, einem interkulturellen Konfliktbereich sozusagen: Die Studentin geht nämlich ganz einfach davon aus, dass die Uni, die Alma Mater, sich ganz mütterlich ihrer annimmt und einfach selbst eine Lösung für sie findet und sie irgendwie durchbringt. Die Studenten wissen nämlich: Durchfallen ist hier gar nicht vorgesehen. Durchfallen kann man durch die schwere Hochschulaufnahmeprüfung (Gaokao), danach ist man gewissermaßen "durch". Bei Deutschen erntet man mit diesem Prinzip nur Kopfschütteln.
Das führt uns zur nächsten Konfliktzone. Alljährlich werden uns zwei bis drei Studenten zugelost, die sich zum Militärdienst verpflichtet haben, aber für Fremdsprachen in der Regel nicht mehr Talent haben als ein Bulle zum Milchgeben. Die sitzen dann vier Jahre lang bei uns im Unterricht, verstehen kaum, wovon da vorn am Pult die Rede ist, und schreiben in jedem Diktat 0 %. Herr Chang klärt mich darüber auf, wie das zu- und hergeht: Eine bestimmte Anzahl Studenten muss Fremdsprachen lernen; später werden sie entsprechend verwendet, z.B. bei der Spionageabwehr, E-Mail-Lesen o.ä. Irgendwo in einem Armeebüro der Provinz sitzt nun der Mann, der für die Verteilung der Militärstudenten auf in Frage kommende Unis zuständig ist. Der sitzt dann vor der Kompanieliste und geht dann wahrscheinlich alphabetisch vor und entscheidet: Die drei studieren Englisch, die drei Französisch, die drei Deutsch usw. Klar ist auch, dass die Militärstudenten mit ihrem viel zu niedrigen Gaokao ohne diese Sonderbehandlung nie und nimmer für eine Uni wie die Universität Nanjing zugelassen werden könnten. Eigentlich könnten sie sich also freuen. Da sie aber aufgrund dieses Verfahrens vier Jahre lang die Deppen vom Dienst sind und meist nur staunend zugucken können, wie gut alle anderen Studenten um sie herum auf meine Fragen antworten, hält sich die Freude vermutlich in Grenzen. Denn vier Jahre lang sind sie diejenigen, die am wenigsten können, am wenigsten verstehen und am wenigsten dagegen tun können. Und Herr Chang und ich stellen uns die Frage, was für Soldaten das wohl später sein werden, die vier Jahre lang in einer Zwangslage ausharren müssen, die ihr Selbstbewusstsein nachhaltig untergräbt. Die Elite des Landes züchtet man sich so jedenfalls nicht heran.

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