Jetzt fahr'n wir durch'n Berg...
Nach dem Frühstück holt mich die Familie in der Lobby ab. Wir fahren rüber über die Grenze nach Anhui und steigen durch einen Berg. Richtig gelesen: durch. Denn in diesem Berg gibt es zum einen eine kolossale Tropfsteinhöhle, die Taiji-Höhle. Man muss sich das so vorstellen wie beim Kalkberg in Bad Segeberg nur (wie alles in China) ungefähr hundertmal so groß bzw. so lang. Natürlich sind wir nicht allein. Es wimmelt hier über die Feiertage nur so von Touristen. Als wir in Grotte Nummer zwei ein Boot betreten, glaube ich meinen Ohren nicht zu trauen, als ich höre, dass wir zusammen mit einem Dutzend anderer Passagiere acht Minuten lang über einen See oder Fluss, was immer das sein mag, mitten im Berg schippern werden, ehe wir die Bergdurchwanderung über Treppen im Felsgestein zu Fuß fortsetzen. Nach weiteren Tropfstein-Gewölben mit gewaltigen Stalaktiten und Stalagmiten, für deren bizarre Formationen die Chinesen mal wieder höchst passende Namen gefunden haben, mit denen entfernte Ähnlichkeiten mit Tieren, Pflanzen oder Gebäuden suggeriert werden. Der letzte Anstieg ist lang und führt ins Freie. Wir befinden uns auf einer Anhöhe, geschätzte zweihundert Meter hoch. Ein kleines Restaurant mit Talblick bereitet uns einen herzlichen Empfang. Yixuans Papa lotst mich zu den Klos, er muss selber auch mal.
Danach nehmen wir den Fußweg ins Tal und fahren mit dem Auto in das entlegene Dörflein Guangde am Rande der Zivilisation. Hier wohnt eine ältere Schwester vom Papa (er hat sechs Geschwister, das waren noch Zeiten!) mit ihrem Mann, einem Fischteich, Hühnern, Enten und einer rustikalen Grundausstattung. In einem Ofenloch kann man Reisig verbrennen. Darüber in den Zement eingelassen ist ein Badezuber. So können der Onkel und die Tante jederzeit ohne Strom mit warmem Wasser baden. Nach dem wie üblich üppigen Gastmahl (als lokale Spezialität gibt es gekochten Bambus) strecken wir die Glieder aus. Im Fernsehen läuft "Pinky und der Millionenmops" auf Chinesisch, ein alter Bekannter aus meiner "CinemaxX-TV"-Ära. Das chinesische Fernsehen gibt den Film ignorant als US-Produktion aus. Bevor wir wieder aufbrechen, muss ich noch mit ansehen, wie eine der Enten im Gehege hinter dem Bach in den Käscher des Onkels gerät. Sie wird morgen Abend vor mir auf dem Tisch stehen. Auf einem kleinen Fußmarsch erkären mir Yixuan und ihr Papa das mit dem Bambus: Nur die neu sprossenden "Baby-Bamubs"-Bäume könne man ernten und gekocht essen, wie wir es gerade getan haben. Auf dem Rückweg machen wir noch einen Abstecher zum Stausee vor den Toren von Yixing, auf den wir von der zig Meter hohen, mit Kfz (aber nur für Privilegierte) befahrbaren Staumauer hinabblicken können. Yixuan erzählt mir von einem Dorf, das da unten begraben liegt. Der See ist das Trinkwasserreservoir für Yixing. Das sieht man. Das Wasser ist für chinesische Verhältnisse ungewöhnlich klar.
Dann geht es heim. Um acht Uhr abends bringt mich der Papa mit dem Taxi ins Hotel. Bis morgen!