Jetzt gehn wir nicht auf'n Berg...
Yixuan muss heute für die Magisterzulassungsprüfung lernen; deshalb fahre ich mit ihrem Papa, seinem Auto fahrenden Kumpel und dessen vierjährigem Sohn nicht auf, sondern an einen Berg hier in der Nähe. Er gehört zum Zhuzi-Gongyuan (Bambus-Park). Unter Bambusbäumen hindurch und einen kleinen See entlang wandern wir also hier und da ein bisschen in der Gegend herum und bewundern die Bambusbäume, die für diese Gegend so typisch sind, und ich denke: Wann beginnt denn hier nun endlich der Aufstieg? Bis ich dann irgendwann merke, dass das hier heute nichts mehr wird. Die drei Jungs haben gar keine Lust, sich groß anzustrengen. Das teilen sie mir natürlich nicht so direkt mit, aber durch die Verzögerungstaktik merke ich dann schließlich doch, wo's lang geht. Höhepunkt wird schließlich ein angeblich tausend Jahre alter Baum, den man mal anfassen soll, um selbst, ratet mal, wie alt zu werden! Das jedenfalls rät einem die alte Tante, die daneben steht. Der Baum steht natürlich direkt vor einem kleinen Buddha-Tempel. Und natürlich kann und soll man hier mal ein paar Räucherstäbchen dazu kaufen, um dem Glück Beine zu machen. Welcher Chinese kann dazu schon nein sagen? So darf Junior, der zwischendurch schon mal eingeschlafen war, auf Papas Arm mal den Baum anfassen und die Großen tun's ihm gleich. Nur ich bin mal wieder voll der christliche Spielverderber: "Ich glaube an Jesus! Da braucht man so was nicht!" Die Tante mit den guten Tipps sieht's auch sofort ein. Der zweite Höhepunkt wird dann ein Spielzeughund, den Junior in einer Quengelfalle ergattert hat und den wir auf dem Parkplatz auf dem Weg zum Wagen bewundern. Ist beweglicher, aber frisst weniger weniger als ein echter.
Wir machen Zwischenstation zum Mittagessen in einem Landgasthof, ehe wir weiterfahren zum Westufer des größten Süßwassersees von China, des Taihu. Er sieht in der Tat eher aus wie ein Meer, wenn man an seinem Ufer steht. Ein paar Fischerboote versuchen in der Ferne ihr Glück. Das Wasser schimmert grünlich-eutroph. Am Ufer ist erstaunlich wenig los, es gibt hier zwar ein paar Pavillons, Parkanlagen und vornehme Hotels, aber offenbar ist das hier nicht der Zugang zum Taihu, den Touristen typischerweise wählen. Das sei eher die andere Seite, erklären mir meine Reisegefährten, bevor ich allein auf einen Steg hinauswandere, an dessen Ende ich dir grüne Masse unter mir habe.
Schließlich lassen wir den See hinter uns und laufen den Heimathafen an, wo mich eine umzingelte Festung erwartet: Yixuan zeigt mir ihre Jugendbücher und schwärmt mir etwas von ihrem Lieblingswerk vor, einem satirischen Gesellschaftsporträt aus der Mitte des letzten Jahrhunderts. Es heißt Die umzingelte Festung.