Grenzgänge zwischen Ost und West 1
Nun also ist er da, der Autor und Grenzgänger aus Biedenkopf und Taipeh, der 2009 mit seinem ersten publizierten Roman Seite an Seite mit Nobelpreisträgerin Herta Müller für den Deutschen Buchpreis nominierte Sinologe, Philosoph und Romancier Stephan Thome, jetzt aus Deutschland kommend bei uns zwischengelandet. Die Idee, den Autor zu uns an die Universität einzuladen, war mir im Frühjahr während der Lektüre seines Erstlings Grenzgang, gekommen. Die nötigen Fördergelder für die Veranstaltung "Grenzgänge zwischen Ost und West" wurden mir nach der Projekteinreichung in Bonn sofort bewilligt.
Ebenso spontan hat sich Studentin "Doris" alias Du Li, nachdem sie zuvor ein Foto von Stephan Thome gesehen hatte, freiwillig gemeldet, ihn vom Flughafen abzuholen, weil ich zur Ankunftszeit des Fliegers aus Hongkong auf dem Rückweg vom Außencampus Xianlin bin. Wir kommen fast zeitgleich an der Uni an. Du Li findet seinen Drei-Tage-Bart zwar nicht ganz so cool wie ich, aber der wird morgen auch nicht mehr da sein. Außerdem macht der Gast alles wieder wett durch sein hervorragendes Chinesisch. So jedenfalls wird es mir zugetragen. Du Li hat sich auch längst im Internet schlau gemacht und weiß: Thome heißt mit richtigem Namen gar nicht Thome, sondern Schmidt. Der Suhrkamp-Verlag fand den Namen einfach nicht originell genug. Die Deutsch-Abteilung, also meine Kollegen (sofern anwesend und nicht auf Dienstreise in Deutschland), hat uns zusammen mit einem weiteren Gast, dem ehemaligen "DDR"-Bürger und ehemaligen Nanjinger Lektor Bernd Wittek, einem meiner Vorgänger also, zum Abendessen ins nahe Nanyuan-Restaurant eingeladen, auf dem Campus quer gegenüber von meiner Wohnung gelegen. Ich bin danach also schnell zu Hause.
Der Gast aus Taiwan verbringt unterdessen den Rest des Abends damit, sich im Uni-Viertel umzusehen und noch ein paar Bier zu trinken. Er war nämlich vor rund zehn Jahren selbst Student an der Nanda und schwelgt in Erinnerungen. Manches findet sich noch, das meiste ist nicht wiederzuerkennen.