Grenzgänge zwischen Ost und West 3
Nach einer weiteren Lesung in Xianlin, dem Außencampus, erwartet uns am Nachmittag das von mir und meiner Kollegin Sommerfeld vom Goethe-Sprachlernzentrum gemeinsam ausgeknobelte "Doppelfeature" mit Lesungen von Stephan Thome und Susanne Hornfeck in der Tiefgaragen-Buchhandlung AVANT-GARDE. Wir haben aus der Not eine Tugend gemacht: Da auch die Autorin des Tatsachenromans "Ina aus China" nur am heutigen Freitagnachmittag ihre Lesung veranstalten kann, haben wir uns, anstatt einander Konkurrenz zu machen, zu einer Doppellesung zusammengetan: Grenzgänge zwischen Ost und West - das passt ja auch hier. Denn "Ina aus China" handelt von einem kleinen Mädchen, das in der Zeit der japanischen Besatzung aus Schanghai floh und nach Deutschland kam. Der Erfolg gibt uns Recht: Zu Spitzenzeiten scharen sich knapp neunzig Gäste um das kleine Areal mit den Sitzpolstern. Susanne Hornfeck wird etwas neidisch, als ich per Laptop Internet-Fotos vom Biedenkopfer Grenzgang anno 2005 auf den Bildschirm zaubere. Sie hätte da auch noch ein paar Bilder. Hilfsbereit wie immer stelle ich ihr meinen Computer zur Verfügung, muss aber einschränkend mehrfach wiederholen, dass ich nicht wisse, wie man den automatischen Bildwechsel einstelle; das könne doch Praktikantin "Eva" (genau die: meine Studentin, die jetzt im Goethe-Zentrum ein Praktikum macht), per manueller Bedienung übernehmen, schlage ich vor, aber die hibbelige Künstlerin stellt sich taub und lässt nicht locker, bis sich einer erbarmt und die Einstellung für sie findet. Da sieht man also nun ihre schicken Zeichnungen zum Text über den Bildschirm hüpfen.
Alle sind sie gekommen: Tennispartner Peter steht hinter den Sitzreihen, "Cathy" alias Jiakun trifft direkt von der Arbeit verspätet ein und nimmt neben einer Freundin Platz, Dichter Huang Fan ist mit seiner Schweizer Bekannten unter den Anwesenden; auch die zwanzigjährige Xiao Li hat sich mit ihrer Freundin auf den weiten Weg von Xianlin hierher gemacht. Dazu einige meiner Studenten. Einer von ihnen, "Jenny", besser bekannt als Jia Ni, kommt eine besondere Rolle zu: Die letztes Jahr beim Provinzglück-Lesewettbewerb Ausgezeichnete liest aus der Rohfassung der chinesischen Übersetzung von Thomes Buch, das in wenigen Wochen in Taiwan erscheinen soll.

Am Ende, gegen 18 Uhr, sind alle wieder entspannt. Wir lassen den Abend feudal mit Peking-Ente in einem Restaurant an der Schanghai Lu ausklingen. Goethe bezahlt. Auch der Nanjinger Dichter Huang Fan mit einer Schweizer Bekannten ist, von mir eingeladen, dabei. Ich übersetze immer mal wieder für ihn oder, noch besser, lasse Frau Sommerfeld übersetzen. Er lädt nun seinerseits mich und Stephan Thome für den nächsten Tag zu einem Wohlfühlabend ein. Thome will noch irgendwo einen heben, aber ich muss ins Bett. Die Schweizerin will es sich noch überlegen, taucht dann aber auch nicht mehr auf.
