"Was ist denn mit Ihrem Auge?"
Nach dem Unterricht treffe ich vor dem Lehrgebäude Yinyin und Yifu. Sie haben leichtes Reisegepäck dabei, sie reisen jetzt gleich nämlich ins schöne Hangzhou, wo dieses Jahr der alljährliche Redewettbewerb für chinesische Deutsch-Studenten stattfindet. Leider gewinnen immer Pekinger oder Schanghaier Unis und ich darf vorwegnehmen: Trotz Achtungserfolg und Sonderpreis für Yinyins Aussprache wird sich daran auch dieses Jahr nichts ändern.
"Was ist denn mit Ihrem Auge?", fragt einer der beiden. Das Weiße im linken Auge ist nämlich heute mal rot. Das erklärt sich wie folgt: Gestern habe ich mitten auf dem Zebrastreifen der Hauptstraße einen Autofahrer fast aus dem Auto gezerrt, jedenfalls die ganze Straße zusammengeschrien (guckten schon alle), weil die Chinesen ja immer über Zebrastreifen rüberbrettern wie nix. Er hat erst mal reichlich rumgehupt und dann reichlich spät, quasi an meiner Kniescheibe, gebremst, woraufhin ich mich demonstrativ vor sein Auto gestellt habe und versuchsweise auf seine Motorhaube gestiegen bin. Dann bin ich zur Fahrertür - ein dicker Neureicher mit Familie an Bord. Habe ich die Tür geöffnet oder er? Ich weiß es nicht mehr so genau! Aber mir geht dieses Verhalten schon lange auf den Wecker: In China haben ja Autofahrer immer Recht. Hast du Knete, hast du Auto, hast du Auto, bist du King Ralph! Wofür denn dieses Zeichen da sei, was das denn für einen Sinn habe, erkundigte ich mich auf einem Lautstärkepegel weit im roten Übersteuerungsbereich (wie in China üblich) und deutete dabei mit den Fingern einer Hand wechselweise auf die Streifen auf dem Asphalt und auf die Augen in meinem Gesicht. Am Anfang wollte der Fahrer noch was sagen, ich habe ihn aber nicht zu Wort kommen lassen. Nachher war er völlig verstört. Tat mir schon fast wieder leid. Leider habe ich mir bei der Aufregung mit dem Finger selber ins Auge gestochen. Den Studenten erzähle ich mal lieber die harmlosere Variante.
Weiß nicht, mein Nevenkostüm war auch schon mal besser.