Mal Pech, mal Glück

Heute ist zweifellos mein persönlicher Höhepunkt auf der Lektorenkonferenz, die mich nun schon den fünften Tag in Atem hält. Es beginnt damit, dass ich die elf Bücherkartons, die die letzten Tage bei mir eingetrudelt sind, aus dem Zwischenlager, meiner kleinen Bibliothek, zu holen habe. Gestern Abend habe ich meine Chefin um studentische Hilfskräfte gebeten, doch die hätten Unterricht, wiegelt sie ab, ich solle mich doch um junge, schlagkräftige Konferenzkollegen bemühen. Der Konferenzkollege, der die Bücher verwaltet, und ein weiterer Kollege haben sich bereit erklärt zu helfen, doch keiner ist um halb neun wie verabredet da. Ich habe mir ein Transportgerät reservieren lassen: so einen alten Drahtesel mit integriertem Handkarren. Ich fühle mich darauf wie ein Intellektueller nach der Landverschickung während der Kulturrevolution. Das Ding hat nicht genug Luft, ist verzogen und steuert sich, als würde jemand ständig versuchen, mich von links vom Sattel zu schubsen, einmal wäre ich fast in der Hecke gelandet. Dann der Schock: Zum ersten Mal, seit ich in dieser Stadt lebe, ist der Zugang zu meiner Bibliothek blockiert, weil ausgerechnet heute, am einzigen von 365 Tagen, an dem ich schwere Sachen aus der Bibliothek zu holen habe, die Bauarbeiter ihr Gerüst abbauen mussten. Der kleine Weg an der Stirnseite des Gebäudes, wo sich der Eingang zu meiner Bibliothek befindet, ist vollgepackt mit Dutzenden von Bambuslatten, über die man nur stolpern, nicht gehen kann. Ich suche entnervt nach den Bauarbeitern und versuche mit dem einen, den ich finde, das Problem zu klären. Er kann zwar nichts machen, aber erklärt sich wenigstens insoweit solidarisch, dass er mir beim Schleppen der Kisten über Rasen und durch Hecken behilflich ist. Dreimal schwinge ich mich auf den Drahtesel und fahre die rund 400 Meter zwischen Bibliothek und Tagungsgebäude hin und her. Dort nimmt mir zum Glück der für die Bücher zuständige Kollege die kostbare Fracht ab, sodass ich sie nicht auch noch die Treppen hoch schleppen muss!
Zwischen Vormittagsplenum und Fototermin (Ergebnis: siehe oben), nur eine gute Stunde, haben die Verantwortlichen ein wichtiges gemeinsames Mittagessen geschoben. Herr Hase-B. aus Peking, oberster Dienstherr aller Lehrkräfte in meinem Austauschprogramm, hat darauf bestanden, dass ich dabei bin, aus gutem Grund.
Beim Mittagessen in elitärer Runde (meine Pekinger Chefs vom Akademischen Austauschdienst treffen meine Nanjinger Chefs inklusive des Vizechefs des Fachbereichs Fremdsprachen) lässt er nämlich die Bombe platzen: "Ich muss dann noch mal eine Sache ansprechen, die ja auch unseren Kollegen hier betrifft. Wir haben für die neu ausgeschriebenen Stellen zu wenig Bewerber und für Nanjing haben wir gar keinen!" Kannstecknadelfallenhörenstille. Ich sitze mit Pokerface vor meinen Leckereien und wühle mit den Stäbchen darin herum. In diesem Moment weiß ich, dass ich das Spiel gewonnen habe, denn meine Chefin hat mir schon vorab per E-Mail mitgeteilt, dass sie mich "als besten Kandidaten" behalten würde, im Klartext: wenn sich kein besserer Kandidat finden sollte.
Genau diese Situation ist jetzt eingetreten. Fußballfans können sich in etwa vorstellen, wie ich mich fühle: wie nach einem verwandelten Elfmeter zum 1:0 in der fünften Minute der Nachspielzeit. Meine Chefin bemüht sich um die angemessene Fassung und fragt zunächst, wie das denn komme. Das sei doch sonst nicht so. Hase-B.: Das wisse er auch nicht, das sei ganz ungewohnt. So wenig Bewerber wie in diesem Jahr habe es in seiner Dienstzeit noch nie gegeben. Darauf meine Chefin zu mir: "Tja, ich glaube, du kannst heute Nacht gut schlafen!" Dann lacht sie ihr immer etwas künstlich wirkendes Lachen und fügt hinzu: "Wir haben ja mit unserem Kollegen keine Probleme." Neben mir sitzt die Vizeleiterin des Fachbereichs und hält mir vor, was für ein Glück ich doch hätte.
Ich denke: Wer hier wohl Glück gehabt hat. Wenn ich mich vor vier Wochen entschieden hätte, nach Peking zu wechseln, stündet ihr jetzt ohne Lektor da! Aber ich sage nur: "Jeder hat im Leben mal Glück!" Nur kurz wandern meine Gedanken dabei ab zu den Palisaden heute Morgen vor meiner Bibliothek.