Mächtig unter Druck
Ich treffe mich morgens um zehn an der U-Bahn mit der kleinen Li Jianqing, überreiche ihr im Gegenzug für ihre Karte vom 3. Advent einen Schoko-Weihnachtsmann und gemeinsam gehen wir zum "Christmas Luncheon" der internationalen Gemeinde. Dieses Jahr ist alles im Festsaal des Hotel Ramada ganz brav geordnet. Wir sitzen an runden Tischen und stehen danach brav am Buffet an. Es gibt außerdem wieder jede Menge musikalischer Darbietungen. Das Essen war letztes Jahr zwar erheblich besser, aber dafür war es auch billiger. Am Tisch hinter uns entdecke ich Emilie alias Li Yuan, die ich ja unlängst beraten durfte. Ein bisschen Gottesdienst wird auch noch gefeiert. Nach dem Weihnachtsessen bringt Jianqing, die auf Kinder mit reflexhaften Solidarisierungsmechanismen reagiert, den dreijährigen Knirps von Michael und Jane Kampamba dazu, mich zu treten. "Kick him, yeah!" Wir verabschieden uns von Ingrid aus Lübeck, die mich neuerdings immer umarmen muss, und Emilie, die eine viel zu große Brille trägt, am Ausgang des Hotels. Anschließend gehe ich mit der kleinen Li auf die Stadtmauer und wir blicken hinab auf den See, über den wir vor ein paar Wochen gefahren sind. Jianqings Kommentar zu der christlichen Botschaft von Weihnachten ist jedoch eindeutig: "I don't buy it!" Für Metaphysik total unempfänglich, das Mädel, dafür umso mehr auf diesseitige Dinge fixiert: Verstört sie mich doch mit Mädchenwohnheimtratsch und würzt das auch noch mit Fragen zu reichlich privaten Themen. Hochnotpeinlich wird es aber erst, als ich feststelle, dass ich mal wieder so viel gegessen habe am Buffet, dass ich jetzt aber mal eiiiiligst ein Klo aufsuchen muss. Die dringliche Suche nach dem passenden Ort überschattet dann diesen 1. Weihnachtstag doch beträchtlich, denn erst auf der hinteren Insel im Xuanwu-See werde ich fündig. Die dreißig Minuten dorthin fühlen sich an wie dreißig Stunden und Papier habe ich auch nicht genug.
Erleichtert überquere ich schließlich mit der kleinen Li (die mich inzwischen schon einmal in Abwesenheit angerufen hat) die Inseln; es dämmert bereits. Wir baden eine Weile nicht im See, sondern in den bunten Lichtern, die überall am Wasser installiert worden sind, und steigen schließlich hinterm Westtor der Mauer (Foto) in die U-Bahn. Ich lege ihr zum Abschied noch mal das Weihnachtspamphlet nahe, das an den Tischen auslag, aber so ein atheistisches Weltbild lässt sich nun mal nicht so schnell austreiben.
