Heiliger Bimbam!
Ich mache es mir mit NDR-2-Internetradio noch etwas im Bett gemütlich, da meldet sich Yang Liu, eine Studentin, die anno 2009 Großenaspe beehrt hat, mit der MItteilung, sie wolle mir ein Geschenk vorbeibringen. Ich werfe mich also in meine Klamotten. Wenig später steht sie auch schon mit der ebenfalls Großenaspe-erfahrenen Yixuan bei mir in der Wohnung und hängt mir wie eins der Dalai-Lama Außenminister Kinkel einen Schal um. Selbst gestrickt. Yixuan mag nicht tatenlos daneben stehen. Von ihr gibt es eine Packung Tee. Hintergrund dieses Blitzbesuchs ist zweifellos, dass ich das alkoholische Getränk, das man mir am Ende der Konferenz im November als kleines Dankeschön überreicht hatte, an Yang Liu für ihre Familie weiterverschenkt habe. Ich motiviere die beiden Studentinnen, abends mit in den Weihnachtsgottesdienst zu kommen, und wenig später erscheint auch schon ihre Zusage auf der Anzeige meines Mobiltelefons, aber ich weiß natürlich nicht, worauf ich mich da eingelassen habe. Wir finden uns nämlich eine halbe Stunde vor Gottesdienstbeginn in einer Schlange über zwei Straßen wieder. Heiliger Bimbam! Damit haben nicht nur die beiden Damen, von denen mindestens eine Mitglied der Partei ist, nicht gerechnet, sondern auch ich nicht. Ein junger Mann verteilt Johannes-Evangelien unter den Wartenden. Ich sage: "Es gibt einfach zu wenig Kirchen in China!" Als wir um kurz nach sieben immer noch in der Schlange stehen, obwohl wir schon eine Straße geschafft haben, ergreife ich die Initiative und suche im Alleingang die in der Nähe gelegene katholische Kirche auf. Irrtümlich hatte mir Lydie, die Gabunerin aus meinem Hauskreis, nämlich (der Mensch denkt, Gott lenkt) eine SMS mit den Veranstaltungszeiten dieser Kirche geschickt. Einlass in die evangelische Kirche ist nämlich erst um halb neun! In der katholischen Kirche in der Shigu Lu ist es zwar auch rappelvoll, aber man muss wenigstens nicht draußen auf der Straße frieren. Ich hole die Mädchen also aus der Schlange und wir wechseln mal kurz die Konfession. Allein das Schlangestehen sei schon interessant gewesen, meint Yang Liu, der anscheinend nichts mehr die Laune verderben kann, seit sie auf eine Bewerbung eine feste Zusage bekommen hat. Ich hole die Mädchen. Etwa zwanzig Minuten halten sie noch im Gedränge in der katholischen Kirche aus und lauschen ein paar Gesängen, ehe Yang Liu telefonisch ins Kino abkommandiert wird und Yixuan ihr folgt. Ich halte bei dem von einem Italiener und einer Chinesin moderierten musikalischen Vesper noch bis kurz nach neun aus, bin aber von telefonierenden Zaungästen, die kommen und gehen wie im Hühnerstall, mehr als genervt. Auch die Darbietungen erfüllen nicht immer den höchsten Kunstgeschmack. Als Rausschmeißer gibt es "Merry Christmas to you" nach der Melodie von "Happy Birthday to you". Da weiß man, warum man nicht katholisch ist.