Wider die Wahrscheinlichkeit
Wo steckt denn bloß noch mal dieser Konzertsaal? Ich hätte schwören können, einmal um die Ecke der Taiping Lu biegen und schon ist man da. Wieder mal muss ich schmerzvoll erkennen, dass nachts alle Straßen grau sind, ebenso wie alle Theorie. Auf meiner Odyssee durch die Blocks wäre ich dann wieder mal fast von einem Taxifahrer auf dem Zebrastreifen umgenietet worden. Da mein Geduldsfaden längst gerissen ist, trete ich ihm feste gegen die Motorhaube. Die Taxi-Insassen schauen mich an wie E.T., den Außerirdischen. Eine weitere Episode aus der nicht enden wollenden Krieg-der-Holzköppe-Saga: Didus Skywalker gegen die finsteren Raumkreuzer einer fremden Galaxis. Dürfte ich straffrei Laserschwerter einsetzen, gäbe es in Nanjing wahrscheinlich gar keine Taxis mehr, sondern nur noch Weltraumschrott... Inzwischen ist mir trotz der nur drei, vier Grad plus so warm, dass ich mir erst mal ein Eis am Stiel gönne. Zum Silvesterkonzert komme ich sowieso nicht mehr rechtzeitig. Als ich mich dann endlich fünfzig Minuten verspätet durch die Reihen gequält, zig Leute zum Aufstehen genötigt und soeben Jacke und Schal abgelegt habe, da ertönt der Pausengong!
Übrigens nicht die erste Panne heute, denn als ich um eins in der Mensa essen gehen wollte, stellte man plötzlich fest, dass meine Mensakarte ungültig ist. "Wie das?", frage ich. "Da waren doch eben noch 90 Yuan drauf!" Achselzucken. Entnervt renne ich zur Kartenausgabe und zwinge die Herrschaften durch energisches Klopfen das Gitter noch mal hoch zu machen. Nachdem ich ordentlich Terror gemacht habe, gewährt man mir eine 6-tägige Sonderverlängerung. Das ist auch mehr als angebracht, da mich kein S... davon in Kenntnis gesetzt hat, dass die Karte plötzlich ungültig sein könnte. Zu essen gibt es nun natürlich nichts mehr. Ich esse um fünf.
Wieder zurück zum Abend: Eine Stunde, nachdem im Konzertsaal (übrigens ohne Zugabe) der letzte Ton verklungen ist, bin ich (mit einem Abstecher zum Wanda-Kinocenter, wo der neue NARNIA-Film aber erst nächste Woche startet) auf dem Weg zur internationalen Gemeinde, wo ich während der musikalischen Gebets-"Watch Night" auch dieses Jahr vergeblich hoffe, irgendwie würde diesmal etwas dazwischen kommen und das Jahr doch nicht pünktlich um Mitternacht rum sein. Nach 0 Uhr hält es dann die Afrikaner nicht mehr auf den Sitzen und sie zetteln eine Art Gospel-Polonäse an! Wildfremde Menschen wünschen mir ein gutes neues Jahr. Und wenn ich Ingrid aus Lübeck nicht demonstrativ die Hand hingehalten hätte, hätte ich schon wieder eine Umarmung einstecken müssen!

Trotz der Pannen blicke ich doch auf ein erfolgreiches Jahr zurück, das die Erkenntnis genährt hat, dass im Leben nicht immer das Wahrscheinlichste passiert. Das war nämlich meine Antwort , als Studenten im Oktober danach fragten, ob ich im Sommer gehen würde. Wie wir inzwischen alle wissen (oder notfalls im Eintrag vom 23. November nachlesen können), war das vor ein paar Monaten noch sehr wahrscheinlich. Übrigens bekam ich Montag eine E-Mail aus Deutschland: Es gab in Wahrheit doch Bewerber auf meine Stelle. Aber der HERR ist immer noch größer!
Mit dem Satz kann ich aufhören!