Im Regenwald
Gestern habe ich unweit der Uferpromenade eine Kirche entdeckt und mich auch gleich nach den GoDi-Zeiten erkundigt. Um halb neun finde ich mich also in einer Gemeinde im Stil der "Assembly of God" ein. Die Mao-Zeit macht sich mal wieder bemerkbar: Senioren bestimmen das Erscheinungsbild. Ich verstehe leider nicht viel von der Predigt (es geht irgendwie um Ziele im Leben) und blicke irritiert um mich, wenn der Prediger zwischenzeitlich immer mal wieder zu freundlichen Gesten gegenüber den Sitznachbarn auffordert. Die jungen Damen vor, hinter und neben mir (ja, nee, eine ältere Dame sitzt da auch noch) nehmen mir freundlicherweise die Kontaktarbeit ab. Auf dem Nachhauseweg winkt mir eine von ihnen noch eifrig aus dem Wagen zu.
Ich mache mich dann gegen ein Uhr von der Busstation aus auf den Weg in den "Jungfrauenwald-Park". Der Bus nach Mengyang setzt mich am Ausgang ab. 50 Yuan Eintritt zahle ich und bin erst mal wenig angetan von dem etwas betagten Areal. Ein kleiner unterirdischer Buddha-Tempel, vom Regen angegammelt, und ein Pfauengehege sind die erste Station. Neben dem Park rauschen Autos auf einer schnellen Piste vorbei, da kommt wenig Regenwald-Stimmung auf. Interessanter ist dann schon die Hängebrücke, über die ich ein am Hang errichtetes kleines Aini-Dorf erreiche (d.i. offenbar eine Hani-Untergruppe - mehr zu Chinas ethnischen Minderheiten liest man hier). Wer hier mal gelebt hat (falls dies nicht nur ein Nachbau ist), wurde von Fortuna geküsst, denn die Einheimischen haben die Lizenz zum Gelddrucken. Statt bei der Feldarbeit raue Hände zu bekommen, können sie hier den lieben, langen Tag in ihren traditionellen schwarz-bunten Trachten ihrem Hobby nachgehen, Folklore-Tänze aufzuführen, und Touristen für 20 Yuan pro Person (was sonst vielleicht ein Tageslohn ist) mit Schnappschüssen beglücken oder mit einer Ein-Personen-Seilbahn über das Tal schubsen (Bungeejumping für Anfänger sozusagen), was ich mir selbstredend nicht nehmen lasse. Touristen dürfen ferner eine traditionelle Aini-Hochzeit nachspielen (passenderweise bedeutet "ai ni" in Mandarin-Chinesisch "liebe dich"), bei der die Frau erst mal unterm Schleier verborgen bleibt, und sich dabei fotografieren lassen. Man bekommt dazu eine hübsche Aini-Maid an die Hand und muss laut vernehmlich den Satz sprechen: "Ich will heiraten!" Ich also nix wie weg. Ich lasse mich schleunigst ins Tal schubsen.
Die nächste Station ist ein Wasserfall, danach kommt eine offene Festhalle mit Bühne, auf der werden zu lauter Musik wiederum folkloristische Choreografien dargeboten. Eigentlich geht es hier um ein Wasser-ins-Gesicht-Spritzritual fü Frauen, ein alter Brauch offenbar, aber das Bassin ist leer. Wohl zu kalt heute. Ich schaue mir gemeinsam mit zirka hundert Chinesen also die Show da vorne an und lasse mir Schweineschaschlik und einen Papaya-Nektar servieren. Auch eine Lizenz zum Gelddrucken: Alles ist dreimal so teuer wie normal.
Richtig interessant wird es, als ich die ersten Rhesusaffen erblicke, die hier in vollendeter Symbiose mit den Menschen leben und nicht nur auf den Bäumen, sondern auch auf den Bambusstegen mit den neugierigen Touristen herumturnen und manchmal sogar im dahinter gelegenen Freiluftrestaurant hospitieren, was den Ober aber rasend eifersüchtig macht. Jedenfalls haben die Rhesusaffen keinerlei Interesse daran, wieder im Wald unterzutauchen. Hier gibt es ja viel mehr zu essen: Touristen, die offenbar der Affe laust, werfen ihnen Karotten zu. Einer der Affen kommt mir auf dem Steg so nah, dass er mir ins Gesicht spucken könnte, aber zum Glück sind Affen keine Lamas. Als ich ihm ein Gespräch aufzwinge, spitzt er den Mund und dreht mit den Ohren. Ich denke, gleich dreht auch der Rest von ihm durch und der springt mich an, und beende das einseitige Gespräch lieber rasch. Am Anfang eines Parcours durch wirklichen Tropenwald, wie er im Buche steht, kann man ein Foto mit einem merkwürdigen zahmen Bären machen lassen, der sich in Zeitlupe nach einem Stück Honigmelone ausstreckt, das ihm der Besitzer aber partout nicht geben will, und auch sonst aufgrund der schwarzen Ringe um seine Augen ziemlich verschlafen wirkt. Das Tier ist kleiner als ein Koalabär, ich habe aber keine Ahnung, was das ist. Nie zuvor gesehen.
Dicht und üppig wächst hier der Wald. Der Pfad folgt einem Bach, der sich durch den Wald schlängelt. Die Bäume sind so hoch wie Wolkenkratzer. Kaum Licht dringt an einigen Stellen noch ein. Lianen baumeln von den Baumriesen herab. Die Affen hatten wir schon, zwei Janes bin ich unterwegs auch schon begegnet. Es fehlt eigentlich nur noch Tarzan! Auch der Bambussteg, der durchs Dickicht führt, wirkt so authentisch, dass man sich der Illusion hingeben kann, wirklich im Urwald zu sein. Einer der Riesen wurde vom Schicksal entwurzelt und versperrt den Weg. Da einige der Bäume an den Wurzeln üppig miteinander verwachsen sind und die Wurzeln aussehen wie ein Wald, nennt man sie hier auch Einwaldbäume. Ein kahler Stumpf sieht aus wie ein am Boden schnuppernder Elefantenrüssel und wurde folglich auch so betitelt. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Ein Schild weist am entferntesten Punkt des Rundweges auf das Ende der Ausbaustrecke hin. Ich springe rasch übers Geländer des kleinen Verweilpavillons. Will doch wenigstens einmal kurz richtig im Busch sein. Aber der Weg wird rasch ziemlich unwegsam.
Erst auf dem Rückweg habe ich mich zum Erinnerungsfoto mit dem Schlafbären entschlossen, wie immer zu spät: Die Jungs bauen gerade ab. Also hier heute kein Bild. Dafür sehe ich am Ausgang des Parks, wo schon ein Omnibus wartet, andere Bären: Schwarzbären, die hier von Zeit zu Zeit in einem Spontan-Zirkus auftreten, gemeinsam mit den Bremer Stadtmusikanten auf Chinesisch: Pferd, Hund, Wolf, Löwe und einem Sibirischen Tiger, dessen Vorderpranken den Umfang von Dirk Bachs Gesicht haben. Alle diese bedauernswerten Kreaturen liegen oder stehen in Käfigen, die so klein sind, dass sie sich darin nicht einmal umdrehen können. Der Tiger hat den Kampf aufgegeben und liegt schlaff herum. Der Schwarzbär ist bereits schwer verhaltensgestört und schüttelt ununterbrochen den Kopf, als wollte er sagen: "Nee,nee, nee!" Auch dem Löwen geht es hundsmiserabel, er scharrt manisch mit der Vordertatze auf dem Käfigboden herum.
Im Bus bekomme ich nur einen Stehplatz, aber eine freundliche junge Dame kann das nicht mit ansehen und bietet mir ihren Sitzplatz an, was ich natürlich annehme. Man muss ja zu Damen immer höflich sein. Die Frauen der Minderheiten sind in der Regel schöner als die Han-Chinesinnen, sie haben keine Schlitzaugen und sind natürlich viel dunkler, exotischer sowieso. Naja, vielleicht profitieren sie auch einfach vom Wohlstand, den das neue China über sie gebracht hat. Immerhin haben zwei meiner Studentinnen auch bereits Schönheitsoperationen an sich vornehmen lassen. Aber pst! - nicht weitersagen!
Am Ufer des Mekong lasse ich den Tag ausklingen. Es wird dunkel und die beiden Brücken erstrahlen ebenso wie die Touri-Fallen vor und hinter mir in bunten Lichtern. So endet ein fast perfekter Tag. Der Makel: Leider hat der FC B gestern zwei Punkte gegen Wolfsburg verspielt.