Im Tal der wilden Elefanten
Mit Schildern, die dazu auffordern, das Trompeten den Elefanten zu überlassen, die hier leben und vom Autohupen gestört werden könnten, und anderen, auf denen ein Elefant das Anschnallen vormacht, wird der Tourist auf dem Weg ins Tal der wilden Elefanten ("Wild Elephant Ravine") schon mal wild gemacht. Ich bin trotzdem skeptisch und frage mich die ganze Zeit: Werde ich am Ende dieses Tages wirklich, wie versprochen, Elefanten in freier Wildbahn gesehen haben? Wie wollen die denn sicherstellen, dass ausgerechnet in dem Moment, in dem Touristen sich die Ehre geben, Elefanten am dazu auserkorenen Wasserlauf auftauchen? Entweder die Elefanten sind nicht wild oder gefangen oder die ganze Sache geht schief. Im Wildelefantenmuseum, zu dem ein imposanter Hochweg führt, den man sich am besten vorstellt wie den Aussichtsturm am Ketelvierth, nur dass die Aussichtsplattform ein Gang von 2,7 Kilometer Länge ist, wird mir erklärt, dass man das Wasserloch mit dem Zusatz von schmackhaftem Salz zur Attraktion für die Dickhäuter gemacht hat. In der autonomen Region Xishuangbanna, deren Hauptstadt Jinghong ist, sollen sich noch etwa 250 Elefanten tummeln, 75 davon in diesem Park. Neben dem Museum noch ein Schild: "Bitte zur Seite treten, wenn hier Elefanten auftauchen." In der Tat säumen dicke Haufen von Exkrementen den Weg, der einem flachen Bach folgt. Auf einer Brücke überquere ich den Wasserlauf. Ich war schon einmal auf der anderen Seite, weil ich jenseits der Furt wieder diese Haufen und Tretspuren gesehen habe, denen will ich doch mal nachgehen. Aber schon fängt mich ein Parkarbeiter ab. Und von hinten hat sich bereits ein uniformierter Parkwächter an meine Fersen geheftet und schickt mich zurück auf den rechten Weg. Ich wollte ja nur mal gucken... Die Brücke führt weiter durch den Dschungel, als ich den kleinen Bach schon hinter mir gelassen habe: noch so eine kilometerlange Balustrade, schmaler und aus Eisen, durch den Dschungel, an deren Ende man dann die Elefanten von oben besichtigen kann, ohne sie an ihrem Lieblingsplanschbecken zu stören. So der Plan. Und dann das, was man eigentlich voraussehen musste: Das Tal der wilden Elefanten ist eine von ca. einer Billion Baustellen in China. Generatoren machen einen Höllenkrach. Selbst der dickfelligste Dickhäuter kann kein so dickes Fell haben, dass er sich davon nicht in die Flucht treiben lassen würde. Hat einem natürlich kein Mensch erzählt.
Ich bin stocksauer und gehe weiter zur Seilbahnendstation. Dort setze ich mich in den überdachten Wartebereich und esse meine Mandarinen. Was raschelt das denn da hinter mir? Ich drehe mich um und denke im ersten Moment an einen Gorilla, aber der schwarze Affe, der sich auf den Bäumen hergeschwungen hat, ist viel kleiner und hat einen weißen George-Washington-Backenbart. Der temperamentvolle Besucher wird rasch zur Attraktion der chinesischen Touristen, die sich zum Affen machen lassen und zum kollektiven Fototermin um den lustigen Gesellen scharen. George Washington liefert noch ein paar akrobatische Einlagen, ehe ein blasierter Soldat ihn mit Steinen bewirft, weil er ihm wohl zu frech ist. Der Affe sucht aber nicht das Weite, sondern nur die Höhe. Als sich keiner mehr für ihn interessiert, hangelt er sich dann doch davon.
Ich gehe zurück und schaue mich im Vogelpark um. Ara und Kakadu trauen mir nicht so recht über den Weg. Die Scharen von Wellensittichen, die frei herumfliegen dürfen, nehmen Alfred-Hitchcock-Dimensionen an. Da ich ein sturer Hund bin, gehe ich noch mal zum Wasserloch. Uniformierte Wichtigtuer wollen mich gleich zweimal zurückschicken, da gleich Feierabend ist. Ich zeige auf mein Eintrittsbillett: 8 bis 18 Uhr steht da in arabischen Ziffern, also noch eine Stunde! Nun wollen wir mal locker bleiben, wenn da hinten schon die Generatoren laufen! Und die laufen - war ja klar - auch noch bei meinem zweiten Besuch. Leider hat die Seilbahn den Betrieb eingestellt, ich bin dennoch pünktlich am Ausgang. Eigentlich will ich mein Geld zurückverlangen, ich bin gerade so in Moserstimmung, aber die Schalter sind alle verwaist. Ich gehe zur Bushaltestelle, kein Bus in Sicht. Da kann ich noch mal kurz auf Klo. Als ich wieder da bin, ist der Bus gerade weg. Das jedenfalls sagt mir einer der Uniformierten am Eingang. "Gerade abgefahren!" Ich solle es mal unten an der Autobahn probieren. Da kommen vielleicht noch andere Busse vorbei. Prima, denke ich, erst keine Elefanten, dann auch noch den Bus verpasst. Während ich die Straße entlangwandere und so richtig in Moserstimmung bin, mahnt mich mein inneres Ich, jetzt mal kein so undankbarer Miesepeter zu sein, sondern Gott ein Loblied anzustimmen, weil er mich ja bisher noch aus jeder misslichen Lage befreit hat. Keine fünf Minuten selbst komponierter Loblieder später hupt mich ein Bus nach Jinghong an und lässt mich einsteigen. Gott ist doch der Beste! Nur ein umgekippter Sandlaster hält uns noch kurz auf.
Abends gibt es auf dem großen Platz, unter dem sich ein Riesen-Einkaufsparadies befindet, auf Großleinwand einen chinesischen Progagandafilm mit bösen Briten, die das Heiligtum einer Schar wackerer Mönche erobern und am Ende in die Luft gesprengt werden.