Grenzort Daluo
Der Tag beginnt mit einem blinden Bonzen, der mich mit seiner schwarzen Limousine fast anfährt, als er aus einer Ausfahrt kommt. Ich reagiere auf derlei mittlerweile reflexhaft mit Fußtritten gegen die Motorhaube. Irritiert schleicht der Bonze weiter, bleibt im Schritttempo wenige Meter vor mir. Ich denke: Ist der etwa von der Partei und macht auf Mr. Wichtig? Oder ist das nur die Autofahrer-Variante gegen Gesichtsverlust? Am Ende werde ich ihn doch noch los. Mein Ziel ist ein kleiner Hügel oberhalb von Daluo. Schweißgebadet erreiche ich den Grat zwischen den beiden Hügeln und treffe hier oben sogar auf eine kleine Hütte, vor der eine ältere Frau ihr Feld behackt. Ich finde weiter vorne ein Pausenhäuschen aus Holz, das so flach ist, dass man darin nur liegen kann, und blicke hinab auf das Flusstal mit Daluo und Daluo-Hafen (so ähnlich wie Kleinkummerfeld und Kleinkummerfeld-Bahnhof) vor den fernen Bergriesen, die im Dunst bläulich-grün schimmern. Und wenn ich den Blick weiter nach rechts schweifen lasse, so kommt dort bereits die burmesische Stadt jenseits der Grenze in Sicht. Ein paar langweilige Hochhäuser, weniger blaue Dächer, aber etwas größer ist die Stadt. Von Tropenwald ist hier auf den Hängen übrigens keine Spur. Der ganze Berg ist bestanden von derselben Baumart, eine einzige große Plantage.
Als ich nach einem Fußmarsch unter sengender Sonne über den hinteren Bergabhang schließlich wieder in Daluo eingetroffen bin, entschließe ich mich, die verbleibende Stunde bis zur Abfahrt nach Menghai mit einem Ausflug an die Grenze zu nutzen. Ich spreche einen der Mopedfahrer an, die am Straßenrand herumlungern, aber der versteht wohl kein Chinesisch. Sein geschäftstüchtiger Kollege springt sofort ein, spricht davon, dass man das in einer halben Stunde erledigt haben könne, Kostenpunkt hin und zurück: 20 Yuan (vier Mark). Und schon sitze ich hinten bei ihm auf dem Kraftrad. Angesichts des Ofenrohrs, durch das der andere Moped-Heini fragwürdige Substanzen inhaliert, ist mein Fahrer wohl auch die bessere Wahl gewesen. Der Wind weht mir um die Ohren, es geht über die Brücke, an Maisfeldern vorbei, die Gebäude werden immer verlassener. Schließlich halten wir vor einem türlosen Portal, das in einen lichten Wald führt und durch das Leute mit Säcken und Taschen spazieren: der kleine Grenzverkehr. Für mich als Ausländer aber ausgeschlossen, belehrt mich mein Chauffeur, obwohl ein paar andere Fahrer, die hier herumlungern, mich weiter in den Wald locken möchten. Auch hinter den Torpfosten ist immer noch China. Hier wohnen in schäbigen Katen auch noch ein paar Leute. Ich gehe im letzten öffentlichen WC (eher ein DC, dry closet) vor der Grenze mal kurz auf Klo und schaue durch die Ritzen: Dort steht ein stolzes Zollhaus und leuchtet weiß im gleißenden Licht. Mein Fahrer ist mir nachgeeilt, er wird langsam nervös. Mit Warten lässt sich ja kein Geld verdienen. Wir sausen zurück. In der Ferne sehe ich den Berg, auf dem ich vor ein paar Stunden noch saß.