Zwischen Himmel und Erde

Das ist nun unzweifelhaft der Höhepunkt meiner Reise: Ich befinde mich zwischen Himmel und Erde. Ich wandle auf einer endlos scheinenden Reihe wackliger Brücken durch den Regenwald. Und dann gebe ich auch noch sechs Mark für Fotos aus, die man heimlich von mir gemacht hat. Wie konnte es so weit kommen?

Wieder hat mich ein Bus am Wegesrand abgesetzt. Ebenso wie die Angehörigen der Touristengruppe, die hier neben dem Parkplatz herumlungert, bekomme ich eine Rettungsweste übergestreift und besteige ein Motorboot, das mich flussaufwärts mitten in den Himmelsbaum-Park bringt. Ich habe vorher vergeblich nach der Kasse Ausschau gehalten. Entweder man hält mich für einen Bestandteil der Reisegruppe oder die Überfahrt gehört zum Service. Nachdem das Boot angelegt hat, gibt es nun auch endlich die schon vermisste Eintrittskarte (60 Yuan). Auf dem Prince-Philip-Pfad (der englische Gemahl der britischen Königin hat in seiner Eigenschaft als WWF-Schutzpatron diesen Ort besucht und ein paar schützenswerte Bäume entdeckt) wandere ich nun bereits zum dritten Mal durch den Tropenwald. Die selbstgefällige Art, in der die Volksrepublik sich auf Schildern und Info-Tafeln als Wunder was besorgt um den Erhalt dieses seltenen Biotops inszeniert und die eigenen Schutzinitiativen rühmt, geht mir allmählich auf den Geist. Auf einer der Tafeln liest man etwa, dass es nur noch in drei Regionen auf der Welt echten Regenwald gebe: am Amazonas, in Zentralafrika und in Zentralasien, darunter zwei Regionen in China: auf Hainan und hier in Xishuangbanna. Die Wahrheit ist, dass in ein paar Alibi-Ecken ein paar Hektar Wald stehen gelassen wurden, ein Touristenpark hineingebaut wurde, der kräftig Yuan hereinspült, und ansonsten - man sieht es ja, wenn man im Bus in dieser Gegend unterwegs ist - der meiste Urwald Plantagen mit Monokulturen weichen musste. Immerhin lerne ich, dass einige der Bäume hier siebzig bis achtzig Meter hoch werden können. Die Gattung dieser extrem hoch wachsenden Bäume heißt Parashorea. Und diese Riesen hat man nun ganz geschickt für den Tourismus nutzbar gemacht, indem man zwischen ihnen einen Hängebrückenweg errichtet hat. Man wandelt also zehn, zwanzig, wenn nicht mehr Meter über dem Erdboden zwischen Urwaldgiganten umher. Dafür sind allerdings noch mal umgerechnet zwanzig Mark extra fällig. Ich gerate in einen solchen Höhenrausch, dass ich beim Abstieg ganz gegen meine Gewohnheit gleich drei von den zahlreichen Fotos kaufe, die ohne mein Wissen von mir gemacht wurden und die man sich nach dem Abstieg auf Computerbildschirmen anschauen und unter denen man seine Favoriten auswählen kann. Immerhin sind zehn Yuan (zwei Mark) pro Stück noch ganz erschwinglich.

Und dann habe ich es wieder mal geschafft: Ich stehe vor dem Bootsanleger und erfahre: Heute fährt kein Boot mehr zurück. Es ist auch schon halb sechs. Angeblich soll da noch ein Bus kommen, aber an dem Häuschen steht keiner und nach fünfzehn Minuten gebe ich auf und entschließe mich zu Fuß zu gehen. Ich folge dem Flusslauf. So kann ich den Ausgangspunkt der Urwaldexpedition eigentlich nicht verfehlen. Dort könnten noch Busse vorbeikommen.
Diesmal lässt mich der Herr des Universums ganz schön lange zappeln: Wenige Meter vor dem Touristenzentrum, von wo aus das Boot heute Morgen abgelegt hat und das doch so drei, vier Kilometer entfernt ist, holt mich ein Bus ein. Ich bekomme aber nur noch einen Hocker, weil alle Plätze besetzt sind.
Ich habe das 25-Yuan-Hotel verlassen und ziehe in ein 80-Yuan-Hotel, das nicht nur eine verwendbare Dusche, sondern auch einen Internetzugang hat. Die Installation dauert zwar bis zehn Uhr abends, weil der Computerjunge vorher nicht konnte und er auch ganz schön Mühe hat, meinem Computer den Zugang zu erklären, aber dann kann ich endlich ein paar sin-o-meter-Einträge nachholen!