Grenzerfahrungen
Nach einem Ruhe- und Besinnungstag in Mengla bin ich, ermutigt durch den vertrauenerweckenden Kioskmann, nun also auf dem Weg nach Laos und je näher ich der Grenze komme, desto nervöser werde ich: Werden die mich wirklich einfach so einreisen lassen? Werde ich an der Grenze wirklich ein Visum bekommen? Wird es wirklich möglich sein, über Laos bis nach Thailand vorzustoßen? Und wie soll ich in Laos eigentlich zurechtkommen - ohne Reiseführer, ohne Sprachkenntnisse und ohne... Ahnung?
An der Grenze läuft alles überraschend glatt: Zwar sind 300 Yuan Visumsgebühren nicht so wenig, aber bei der Abfertigung geht alles ganz flott. Ein älterer Herr aus Thailand mit Frau und ein Japaner sind meine Kampfgenossen an den Schaltern. Sogar das geforderte Passfoto kann ich durch einen glücklichen Zufall auftreiben. In meiner Computertasche unten befinden sich noch ein paar alte CFI-Visitenkarten mit Foto, die ich dereinst für Yanji bekam. Der Mensch denkt, Gott lenkt. Ich grapsche durch das Schalterfenster nach der Schere, die da herumliegt, der Beamte nickt.
Nach einer Mittagspause im Grenzort Boten geht es weiter: Der erste Eindruck von Laos: Die Dächer sind nicht so spitzgiebelig und es gibt noch etwas mehr Regenwald. Letzteres relativiert sich aber rasch, als wir näher ins Land eindringen. Auch hier also, nach dem Muster des großen kommunistischen Bruderlandes im Norden, Monokulturen statt Parashoreas. Der eigentliche Clou an diesem Land ist, dass es hier keine Städte gibt. Zweihundert Kilometer fahren wir über eine der Hauptverbindungsstraßen durchs Land, aber die größte Ortschaft, durch die wir kommen, Vieng Phouk, ist auch nur eine Anhäufung von Bretterbuden und wirkt nicht größer als Wiemersdorf. Von hier aus kann man Ökotourismus betreiben, die neue Geldquelle im Land und eine Hoffnung für den Urwald. Dass das Land im Vergleich zu China wie entleert wirkt, ist kein Wunder: Laos hat nur fünfeinhalb Millionen Einwohner und die Hauptstadt, Vientiane, gilt als die entspannteste von ganz Asien. Sie hat ungefähr so viele Einwohner wie Lübeck. Außerdem ist Laos grandios unterentwickelt. Es erinnert vielfach an ein zentralafrikanisches Land: keine eigene Industrie, keine eigenen Produkte, keine Supermärkte, nur lauter so kleine Klitschen, in denen alles, was bunt ist, aus Thailand oder China importiert wurde. Am späten Nachmittag stranden wir außerhalb von Houay Xai an einer Busstation, die noch fünf Kilometer von der Innenstadt entfernt ist. Ein Tuc-Tuc (so nennt man hier die Sammeltaxis, bei denen die Passagiere auf der Ladefläche transportiert werden - schön luftig!) soll uns für sagenhafte 10.000 Kip (so heißt die Währung hier) an den Mekong bringen. Der Busfahrer reißt mir 100 Yuan aus der Hand und wechselt das in einen unübersichtlichen Betrag, ich glaube ungefähr 120.000 Kip. Auf allen Scheinen befindet sich neben diesen tulpenförmigen Schriftzeichen und einer verwirrenden laotischen Zehn, die anmutet wie eine Neun, das Konterfei des Präsidenten, der aussieht wie die Indochina-Variante von Heiner Bremer: weißhaarig und leicht korpulent. Dasselbe Bild steht übrigens ab und zu als Reklametafel in der Landschaft herum. Im Tuc-Tuc macht es Gluck-gluck: Mit auf der Ladefläche befinden sich ein französisches Pärchen und drei Hühner in einem blauen Sack, der jede Legehennenbatterie als Paradies erscheinen lässt. Die Hühner machen Gluck-gluck. Aber sicher nicht mehr lange.
Am Mekong, der hier die Grenze zu Thailand bildet, hat sich eine lebendige Touristenkolonie gebildet. Gefühlt ist jeder Zweite, der einem über den Weg läuft, ein Tourist aus dem Westen. Unschlüssig, wie es weitergehen soll, begleite ich den Japaner zu den Abfertigungsschaltern vom Zoll, die sich direkt unten am Flussufer befinden. Die Fähre ist ein Achter mit Dach und Motor. Der Japaner will gleich übersetzen nach Thailand. Ich lasse mir da lieber noch etwas Zeit und wünsche gute Reise. Oben an der Uferstraße stehe ich plötzlich vor dem "B.A.T. Guesthouse" und frage ein französisches Pärchen nach der Qualität der Unterkunft. Wissen sie nicht, sie essen hier nur. Betrieben wird der Laden von zwei kräftigen Damen mittleren bis gehobenen Alters, die ihre Gäste so gönnerhaft behandeln, als wären sie ihre minderjährigen Enkel. Ich ziehe schließlich für 60.000 Kip ein und erhalte ein rustikales Doppelzimmer mit Bad draußen im Flur. Unten im Restaurant stehe ich einige Reiseführer zu Laos und Thailand. Das hilft mir natürlich weiter.
Schließlich treffe ich den Australier Ryan, einen pensionierten Lehrer auf Wanderschaft. Er ist gerade aus der Gegenrichtung, also aus Thailand, gekommen. Wir gehen in der Dämmerung etwas oberhalb des Mekong spazieren und bestellen schließlich zwei Portionen Reis mit Ei in einem sehr schön oberhalb des Flusses gelegenen Freiluftrestaurant, in dem so ziemlich jeder Tourist zu dinieren scheint, der jetzt gerade in Houay Xai auf der Durchreise ist. Die Ladung Reis mit Ei kostet so viel, wie einmal Teil der Ladung eines Tuc-Tuc zu sein.