Chiang Khong
Erst ohne Visum auf dem Weg nach Laos und nun ohne Pass rüber nach Thailand. Man kann nicht behaupten, dass ich mir untreu würde. Aber an der Grenze gibt es Komplikationen: Ich müsse, falls ich wirklich mit dem Boot hinüber nach Thailand wolle, ein neues Visum für Laos beantragen. Denn man würde mir das Visum von gestern entstempeln. Ich argumentiere, was das denn für'n Unsinn sei, ich wolle doch nur mal eben für zwei Stunden rüber. "Das ist aber ganz normal", mischt sich eine blonde Besserwisser-Deutsche ein, die gerade aus Thailand rübergeschippert gekommen ist. "Wenn man das Land verlässt, braucht man eben anschließend ein neues Visum!" - "Wir sind hier doch nicht in Deutschland", versetze ich. "Da ist solche Bürokratie vielleicht normal!" Als hätte er meine Worte vernommen, zeigt sich der Zollbeamte nun sehr konziliant und behält meinen Pass ein. Ich kriege ihn in zwei Stunden wieder, meint er. Ich also, wieder 10.000 präsidiale Kip für die Bootsfahrt, rüber nach Thailand und um eventuellen Nachfragen seitens der Grenzer dort gleich aus dem Weg zu gehen, wate ich das Ufer auf einer sandigen Nebenstrecke empor, frage dort einen Mann, der in einem Verschlag döst, ob hier ein Weg sei. Er antwortet: "Ja, Abkürzung!" Und da mich nun auch sonst niemand mehr kontrolliert und ja auch in dem Touristentrubel an der An- und Ablegestelle keiner darauf geachtet hat, ob ich von diesseits oder jenseits der Grenze bin, bin ich in Null Komma nichts auf dem Weg ins Zentrum von Chiang Khong/Thailand. Es trennen nur ein paar Meter Wasser die beiden Ortschaften, beide mit 15.000 bzw. 12.000 Einwohnern etwa gleich groß, aber der Unterschied ist wie Tag und Nacht: Drüben gibt es nichts, hier alles. Als Symbol für westlichen Lebensstandard ragt das Logo eines "Seven-Eleven"-Ablegers mit vielen Produkten im amerikanischen Stil von der Fassade in die Straßenschlucht hinein. Jenseits der Hauptstraße finden sich kleine eingezäunte Grundstücke mit kleinen Postkästen vor weiß schimmernden Flachbauten - auch eine US-Kopie. Hinter einem der Zäune ist ein weißer Alt-Hippie mit langen Zotteln gerade mit seiner Wäsche beschäftigt. Ist vom letzten Trip wohl nicht mehr zurückgekommen. Kommt öfters vor. Ich verlasse die Ortschaft und lande auf einem Hügel mit kleiner Anbetungsstätte für Buddha und den Ortsheiligen, der auf Fotos daneben hängt, alles schon bisschen verwachsen. Aber Hasso passt auf und verbellt mich.
Ich flaniere auf der Uferpromenade zurück, viel natürlicher, beschaulicher und nicht so auf Massentourismus getrimmt wie in Jinghong. Einen echt thailändischen Buddha-Tempel mit Flussblick muss ich noch in Augenschein nehmen. Auffällig ist, im Vergleich zu chinesischen Tempeln (Foto aus Ganlanba), die viel üppigere und filigranere Goldverzierung der Giebelseiten. Auch merkwürdig: Hier auf der thailändischen Seite stehen keine Palmen.

Ich sitze zwischen Tempel und Bootsanleger auf einer Bank mit Blick auf den Mekong und das laotische Ufer, da kommt ein Moped. Der Mann bittet mich zur Seite zu treten und klettert via Bank auf den Baum hinter mir. Dort hängt sein kleiner gefiederter Freund im Käfig. Soll auch mal schöne, grüne Blätter sehen. Aber jetzt geht es heim! Das gilt auch für mich. Schließlich habe ich meine zwei Stunden schon auf drei ausgedehnt und so nehme ich das nächste Boot über den Fluss. Noch einmal 10.000 unlesbare Kip. Ich bin der einzige Passagier. Ich denke: Ob die wohl auf die Uhr geschaut haben? Aber der Grenzer, der meinen Pass einbehalten hat, wundert sich, dass ich schon so früh zurück bin.
Im B.A.T.-Gasthaus ist schon wieder ein französisches Pärchen abgestiegen. Der Indochina-Effekt! Sie fragen mich nach dem "Loneley Planet", in dem ich zum x-ten Mal blättere. Ich bin unentschlossen: weiter ins legendäre Luang Prabang, von dem alles schwärmt oder gen Norden zurück, Richtung China? Ich entscheide mich für letzteres. 25.000 Heiner-Bremer-Konterfei-Kips will der Taximann. Bei solchen Preisen kip(p)t bei mir die Stimmung ganz schnell und so stehe ich eine halbe Stunde an der Ladefläche herum. Schließlich schließt sich ein Reiseleiter aus Luang Prabang an, der gerade eine Tour abgeschlossen hat und sehr gut Englisch spricht. "10.000 Kip o.k.!", signalisieren die Kleinstransportunternehmer mir. Und schon gibt das Tuc-Tuc Gas!
An der Busstation gibt es um diese Zeit leider nur noch einen Bus nach Luang Prabang. Aber ich habe mich schon zu sehr festgelegt, erwerbe für 50.000 kommunistische Kip eine handgeschriebene Fahrkarte für Luang Namtha im Norden und suche mir, nachdem der Bus mit dem Reiseleiter aus Luang Prabang und sehr, sehr vielen Bleichgesichtern abgefahren ist, eine Absteige in der Nähe, damit ich morgen Tuc-Tuc-frei bin. Ich stoße nach ein paar Hundert Metern auf das Feng-Ping-Hotel - ja, auch hier gibt es Chinesen. Das ist für mich sehr erfreulich: Ich kann in Yuan bezahlen und erspare mir Probleme mit den kuriosen Kip. Dafür ist die Dusche fast kalt. Ich esse im Hinterhof, wo sich beim Essen zwei Fraktionen um zwei Fernseher formiert haben: Laoten gucken hinten ein laotisches, Chinesen vorne ein chinesisches Programm. In der Mitte sitze ich, aber ich gehe gleich wieder auf die Stube und habe dort mein drittes Programm: Der Fernseher hat die US-Variante von "Premiere": HBO. Und da laufen "Roter Drache", gefolgt von "Pelham 123", gefolgt von "Das Bourne-Ultimatum". Hier hat Laos China dann doch mal was voraus!