Luang Namtha
Mit einer weiteren handschriftlich ausgefüllten Fahrkarte über 55.000 monopolygeldhafte Kip geht es weiter nach Luang Namtha; für die knapp 200 Kilometer braucht der Bus auf seiner Berg- und Talfahrt an die fünf Stunden. Wieder geht es per Tuc-Tuc an der Seite von westlichen Touristen in die Stadt. Zumindest erwarte ich bei einer der größten Orte des Landes eine Stadt, aber wohin wir gelangen, das sieht wieder nur aus wie ein an den Seiten ausfransendes Wiemersdorf. Da der Nachmittag schon angebrochen ist, folge ich einem Geistesblitz: Direkt gegenüber der Haltestelle des Tuc-Tuc befindet sich ein Fahrradverleih. Für weitere 10.000 krass billige Kip miete ich mir die preiswerteste Mühle, packe die Tasche mit dem tragbaren Computer vorne in den Korb, lasse den Rucksack auf dem Rücken und mache mich sofort an die Besichtigung dessen, was hier in Laos als Provinzhauptstadt durchgeht. Ich radle stadtauswärts und komme in ein Dorf, durch das nur eine Sandpiste führt. Einige Gebäude lassen französische Bauart erkennen – ein koloniales Relikt? Zuvor schon habe ich an einigen Amtsgebäuden neben der Tulpenschrift auch Französisch entdeckt. Und am Ortseingang von Luang Namtha steht ein Schild, das verkündet, dass hier die Deutsche Entwicklungsbank den Aufbau einer Berufsschule mitfinanziert. Die Dorfbewohner sehen großmütig über mich hinweg, die Kinder blicken fasziniert.
Auf dem Rückweg schrecke ich die Bedienung eines an den Seiten offenen Restaurants mit Flussblick aus der Nachmittagsruhe auf. Sie kann leider kein Englisch. Aber als der langmähnige Sohn des Hauses auf seinem Moped ankommt, steht das Gericht schon vor mir. Für weitere 10.000 klug angelegte Kip habe ich mir mit Hilfe eines Fotos auf der Speisekarte ein vegetarisches Gericht kommen lassen. Ich überlege: Wenn ich morgen wieder nach China reisen möchte, dann sollte ich jetzt schnell die Sache mit der Fahrkarte und der Unterkunft regeln. Der Bus fährt schon um 8.30 Uhr ab. Da meine Uhr immer noch auf chinesische Zeit eingestellt ist, ist das für mich zwar erst 9.30 Uhr, aber trotzdem will ich morgen früh nicht wieder mit dem Tuc-Tuc-Fahrer feilschen müssen. Ich entscheide mich für die Masche von gestern, radle die acht Kilometer zur Busstation und nehme das reichlich bescheidene Hotel dahinter. Ich kann zum Glück in Yuan zahlen, sodass ich heute kein Geld mehr eintauschen muss. Endlich bin ich mein Gepäck los. Wie befreit radle ich zurück, biege von der Hauptstraße ab und finde den staubigen Sandweg, auf der Detlev Buck die exotische Eingangsszene von Same Same But Different gedreht hat (naja, gedreht haben könnte). Kinder werfen Steine gegen ein Schild am Wegesrand, ein Stein prallt mir vor den Bauch. Ich fahre zwischen den abgeernteten Reisfeldern weiter in ein kleines Dorf. Hier ist die Zeit stehen geblieben. Lauter Holzhütten. Aber außer mir hat sich noch ein Touri-Pärchen auf einem Motorroller hierhin verirrt und lässt sich einheimische Webarbeiten zeigen. Ich esse auf einem Feld hinter dem Dorf ein paar Kekse.
Die letzte Station vor Sonnenuntergang ist der Hügel mit der Pagode. Von hier hat man einen tollen Blick auf ganz Luang Namtha. Der Mönch will mir eine Eintrittskarte verkaufen, als ich mich in den Pagoden-Innenraum verirre. Bin schon wieder weg. Es wird dunkel. Ich pese den steilen Sandweg wieder runter, lande hinter einer Brücke am Fluss, in dem sich ein Mann und eine Frau waschen. Man sieht nur ihre Umrisse. Ich wahre trotzdem Diskretionsabstand. Der junge Mann hält dann doch noch kurz ein Schwätzchen auf Englisch mit mir. Dann wird es ihm zu kühl. Es ist schon nach sieben. Ich fahre ins touristisch geprägte Zentrum von Luang Namtha, um das Fahrrad wieder abzugeben. Jetzt sieht man ohnehin nichts mehr. Dann schaue ich noch kurz auf dem Nachtmarkt vorbei. Auch nicht gerade der Riesenmenschenauflauf, aber doch der belebteste Ort um diese Uhrzeit. Viele Touristen sitzen vor schmalen Ständen und essen Einheimisches. Ich finde schließlich einen Sandwich-Stand, für fünftausend spottbillige Kip erhalte ich hier einen würzigen Croque mit hellroter Soße. Ich bestelle gleich noch einen.
Langsam wird mir kalt. Und nun will der aufmerksame Leser natürlich wissen, wie Didus ohne fahrbaren Untersatz die acht Kilometer zum Hotel zurückzulegen gedenkt. Tuc-Tuc scheidet aus. Nun, es zeigt sich ganz einfach mal wieder, dass es Marathonläufer auf dieser Welt einfach leichter haben als andere Menschen. Ich jogge durch die Nacht zurück. Aber es gibt an der Straße tatsächlich Straßenlaternen! Auf einem Grundstück rechts von mir findet eine Tanzveranstaltung statt, ich laufe kurz auf der Stelle und schaue zu; dann muss ich weiter. Ganz dunkel wird es erst kurz vor der Kreuzung, auf der ich Richtung Busstation abbiege.
In meinem Hotel gibt es Abkühlung: Die Dusche, eigentlich nur ein viel zu kurzer Gartenschlauch, verfügt nicht über warmes Wasser.