Karniggels
Man kann ja nun eines wahrlich nicht behaupten: dass diese chinesischen Schlafbusse Schlafbusse heißen, weil man in ihnen so gut schlafen kann. Dabei habe ich noch Glück: Mein Bus ist ungewöhnlich leer, vermutlich wegen der vielen Zusatzbusse, die im Einsatz sind, damit jeder Chinese rechtzeitig zum morgigen Frühlingsfest zu Hause ankommt. Ich bin unterdessen, obwohl es gerade hell wird, noch nicht mal in Kunming angekommen, jedenfalls nicht im Zentrum. Der Schlafbus hat uns an der entlegenen West-Station abgesetzt. Ich muss mit einem Bus der Kategorie K für fünf Yuan weiterfahren.
Unweit des Bahnhofs finde ich das recht vornehme Herijun-Hotel und schlafe erst mal drei Stunden. Dann geht es mit Bus 44 an den Dian-See. Im Haigeng-Park am Seeufer sind die Möwen los. Kein Wunder: Für 1 Yuan wird den Touristen hier Brot angeboten, das nur ein Ziel hat: Möwenschnäbel. Ich folge der Hubin-Lu und setze hier meinen Anfang Juli 2009 (siehe hier) aus Zeitgründen abgebrochenen Ausflug fort. Am Fuß der Westberge, einem steil am Westufer des Sees aufragenden Massiv, frage ich einen Polizisten nach dem Weg. Da solle es doch auch irgendwo Stufen geben und tatsächlich: Folgt man der Hauptstraße links hundert Meter und geht dann unter der Straßenbrücke hindurch landet man direkt an den Stufen. Als ich am Long Men ("Drachentor"), dem spektakulär in den Felsen gehauenen Tempelareal bin, wird leider schon geschlossen. Nicht weiter schlimm, denn ich finde einen Weg, der noch viel weiter nach oben führt, und lande schließlich auf den steil den Dian-See überragenden zerklüfteten Felsen. Es gibt hier einen netten kleinen Pavillon mit großartigem Blick auf den See und die Stadt dahinter. Ich klettere eine Weile zwischen den scharfkantigen Felsen herum. Auf der anderen Seite des Grats befindet sich eine kleine Beton-Ortschaft.
Als ich wieder hinabsteige, liegt Kunming schon im Dunkeln und ich genieße den zeitgleich mit dem Sonnenuntergang einsetzenden Farbenrausch der Feuerwerke, die überall unter mir wie diese kleinen, bunten Papierregenschirme, die man auf cremige Torten steckt, aus den Straßenschluchten hervorgeschossen kommen. Gegen neun sitze ich wieder in Bus 44. Wer jetzt draußen ist, werkelt unter Garantie an Feuerwerkskörpern herum.
Ansonsten sitzt heute Abend jeder, aber auch jeder Chinese vor dem Fernseher und schaut sich die bereits legendäre Gala an, die auf gleich vier staatlichen Kanälen gleichzeitig läuft und deren Zuschauerresonanz man sich vorstellen muss wie eine geballte Ladung aus Komödienstadl, Musikantenstadl, Melodien für Millionen und "Wetten dass..?" mit Originalauftritten von Madonna und Take That, vielleicht noch mit einem kleinen Fußballländerspiel in der Mitte. Bevor ich mich gegen Mitternacht Richtung McDonald's aufmache, wo man jetzt immerhin noch was zu essen bekommt, mache ich vor den Türen meiner Nachbarn die Probe aufs Exempel: Ja, überall läuft die Frühlingsfestgala. Natürlich auch bei McDonald's. Die Jungs und Mädels von der Spätschicht haben gemäß Stallorder alle Hasenöhrchen auf dem Kopf, egal ob das aussieht wie Gesäß mit Ohren oder nicht (auf jeden Fall noch schlimmer als die penetranten Nikolausmützen zur Weihnachtszeit). Natürlich nicht wegen Ostern, sondern weil morgen das Jahr des Karnickels beginnt. Aber auch sie sollen heute nicht Trübsal blasen, weil sie arbeiten müssen: Um elf überfallen ihre Kollegen von der nächsten Schicht sie zum gemeinsamen Hasenöhrli-Gruppenfoto und jagen draußen ein paar Böller und Raketen in die Luft. Für mein Eis muss ich trotzdem immer noch zahlen. Als das bunte, laute Spektakel kurz vor Mitternacht seinen Siedepunkt erreicht, mache ich mich durch eine wie ausgestorben wirkende Stadt auf den Weg zurück ins Hotel. Nein, der Himmel fällt mir nicht auf den Kopf; es hört sich nur so an.