Tweety

Sie hat die Stimme des Kanarienvogels Tweety aus "Tweety und Sylvester", sie kann eigentlich gar nicht richtig Deutsch, lernt das irgendwie in so'm Abendkurs. Sie will Moderatorin im Fernsehen werden. Und sie leiht sich ständig irgendwelche Bücher aus, die entfernt etwas mit Fernsehen zu tun haben (z.B. "Filmanalyse" oder "Schönheit") und von denen ich kaum glauben kann, dass sie sie versteht. Manchmal leiht sie auch gar nichts aus. Wenn ich in meiner Bibliothek ein Buch für sie im Computer eintrage, beugt sie sich so über mich, dass mir ihre schwarzen Dauerwellen fast ins Gesicht hängen, und wenn sie schließlich geht, wirft sie mir an manchen Tagen diese schlagersängerhaften Kusshände zu: Xige, die sich auch Charlotte nennt, ist wieder mal eine von den Personen, für die man nach China kommen muss, um sie kennen zu lernen. In Deutschland würde es so was nicht geben. Bisschen peinlich ist mir, dass die Erdnüsse noch in der Schublade liegen, die sie mir letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt hat. Ich schiebe die Lade, in der ich was gesucht habe, schnell wieder zu. Charlotte hat sich eine Probepackung von Chanel No. 5 kommen lassen. Sie führt mir den Umschlag vor wie ein Zirkusdirektor springende Löwen und fragt, ob das gut rieche. Eingedenk des Nebels, mit dem Du Li vor der Weihnachtsfeier hier auftrat, lasse ich mich zu der Aussage hinreißen: "Das ist mal ein Duft, der hat Klasse!" Dabei verstehe ich doch von so was gar nichts!... Ansonsten strapaziere ich aber immer gern Charlottes Geduld und lasse sie endlos warten. Die Eskapaden der verhaltensauffälligen Schriftstellerin Danyu (sin-o-meter berichtete) hängen mir schließlich noch nach. Daher: immer schön reserviert bleiben und auf den Computer gucken!