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Freitag, 01. April 2011

Ich wollte doch einfach nur über die Straße
Von DM, 23:59

Es fängt genauso an und wird doch ganz anders als vor zwei Wochen. Wieder begleiten mich Li und Chang zur Polizeistation. Diesmal mit dabei ist auch ein Herr vom Sicherheitsdienst der Universität. Dass dessen Jungs tatenlos zusahen und nicht auf die Taxi-Tussi los sind, um mich von ihr zu befreien, nachdem sie mir schon auf Uni-Gelände gefolgt war, lässt nicht gerade auf den nötigen Beistand hoffen. Das stählerne Rollltor geht für uns auf. Wir betreten den Innenhof des weißen, zweistöckigen Gebäudes. Am Eingang steht die Taxi-Tante, die ich erst auf den zweiten Blick erkenne. Sie trägt ein schwarzes Kostüm, die gräulichen Haare mit Rot-Einschlag sind hochtoupiert und sie hat auch gleich die ganze Familie mitgebracht. Wir drängeln uns in das geräumige Büro im Erdgeschoss. Der freundliche Herr Joni ist nicht zu sehen, der junge Nachwuchsbeamte Wang hat übernommen.

Es beginnt damit, dass der schlanke, ältere Herr, der sich als Vater der Taxi-Tussi erweist, mir einen Nackenschlag verpasst, nachdem er erfahren hat, dass ich der ausländische Teufel bin. Der (also der Schlag) ist allerdings harmlos und wohl nur als Provokation gedacht. Wir setzen uns. Ich nehme Platz auf einem Stuhl zwischen zwei Schreibtischen mit Computern, vor mir, vornehm gekleidet übrigens wie ein Anwalt, Kollege Chang. Und nun beginnt das unwürdigste Prozedere, das ich je miterlebt habe: Ungefähr eine halbe Stunde lang geht eine wüste Schimpfkanonade auf mich nieder. Jeder ist mal dran: Papa, Ehemann, ein Bruder ist, glaube ich, auch dabei, der schießt auch für alle Fälle mal ein Foto fürs Internet von mir. Chang sitzt vor mir und übersetzt kein Wort. Ich verstehe nur "keine Moral". Chang erläutert einsilbig, das gehöre zum Standardrepertoire, die seien noch "ziemlich aufgeregt" und müssten sich erst mal austoben. Seitens der Polizei sind in der Tat auch keine Bemühungen zu erkennen, das große Schlammschmeißen einzudämmen. Die Beamten tun so, als wären sie gar nicht da. Meine Bitte, noch mal die Videoaufzeichnung anzuschauen: verhallt im Nichts. Ich sitze schweigend im Hintergrund und habe mir den SPIEGEL rausgeholt. Gab es da nicht gerade irgendwo einen Artikel über Polizeiaktionen gegen Demonstranten in Peking? Ich lese dann doch lieber was über Japan. Katastrophenstimmung nach dem Fukushima-GAU – das passt.
Um es kurz zu machen: Zwar schimpft sich diese ganze Aktion Vermittlungsgespräch, aber was immer ich an Einlassungen vorzubringen habe und ja auch beim letzten Termin zu Protokoll gegeben habe, also meine Sicht der Dinge spielt hier und heute und auch sonst nirgends eine Rolle: Für Verkehrsdelikte sei man nicht zuständig, hier gehe es nur um meine Gewaltanwendung, im Hinblick auf welche die Polizei zu dem Ergebnis gekommen sei, dass ich allein verantwortlich bin. Die Taxi-Tussi beklagt zwei Tage Arbeitsausfall. Die Taximiete pro Tag betrage 3000 Yuan, die habe sie natürlich auch an besagten zwei Tagen entrichten müssen. Hinzu kommen Krankenhauskosten: 3000 Yuan. Dafür soll ich aufkommen. Ich sage zu Chang: "Über die Krankenhauskosten kann man ja reden, aber dass sie zwei Tage lang kein Auto gefahren ist, war für ihren Fahrstil eine ziemlich angemessene Strafe. Damit habe ich der Stadt doch einen Riesendienst erwiesen. Zwei Tage sicherere Straßen Nanjing. Naja", füge ich hinzu, "musst du jetzt nicht wörtlich übersetzen!" Chang findet wieder diplomatische Worte, erreicht aber nichts: Das Verkehrsdelikt werde hier ja nicht verhandelt. Ja, ja, verstehe ich. Das Fazit lautet: Entweder ich erkläre mich bereit, die Summe von 9000 Yuan plus eventueller Zusatzkosten – schließlich leide die Taxi-Tante immer noch unter Beschwerden... "Beschwerden?", wende ich auf Deutsch ein, "guck sie dir doch an, die Frau ist kerngesund!" – entweder ich erkläre mich also bereit, die Summe zu zahlen, oder ich muss vor Gericht, das Ergebnis wäre gleich, nur ich müsste dann ein paar Tage ins Gefängnis. "Ja, super", sage ich, "gehe ich ins Gefängnis!" Und danach aber die Summe trotzdem zahlen. "Dann natürlich nicht ins Gefängnis!" Und so heißt es also am Ende: Bargeld lacht.
Was heitert sich auf einmal die Gemütslage auf bei der Taxi-Tussi und ihren zeternden Angehörigen, ein entspanntes Lächeln schleicht sich in so manches Gesicht. Und sogar die Warze auf der Oberlippe der Taxi-Tante, will mir scheinen, leuchtet plötzlich in einem viel satteren Braun, als ich die Polizeierklärung zur Entschädigung unterzeichne und mit dem schon bekannten roten Daumenabdruck besiegele. Natürlich muss das Geld auch jetzt direkt fließen. Überweisungen scheiden völlig aus. Bargeld lacht! Durch die so getroffene "gütliche Einigung" bleibe mir die weitere strafrechtliche Verfolgung mit drohendem Gefängnis erspart, werde ich belehrt, und die Polizei, die die erste Rate von 3000 Yuan, nachdem ich und Chang schnell rüber zum Geldautomaten geeilt sind, vor meinen Augen gleich an das vermeintliche Opfer weiterreicht, versichert, dass ich über alle real angefallenen und nunmehr von mir beglichenen Kosten Belege bekommen werde. Auf die bin ich schon gespannt! Angeblich hat sich die Tante ja durch meinen Schlag an den Hals eine Gehirnerschütterung zugezogen. Die einzige Erschütterung, die ich hier weit und breit registriere, ist allerdings die bei mir über das, was hier abgeht!

Am Ausgang habe ich dann sogar noch einen freundlichen Wink übrig für die Tussi und ihre Familie. Entspannung allenthalben. Vor dem eisernen Rolltor verabschiede ich mich auch von meinem dreiköpfigen Begleitpersonal und gehe gleich weiter Richtung Bibelkreis. Unterwegs kann ich mich etwas abreagieren – natürlich ohne irgendwo gegenzutreten. Denn auch wenn für mich längst klar ist, dass ich am Ende keinen roten Mao aus eigener Tasche bezahlen werde, bin ich doch stocksauer über die Art und Weise, wie ich hier vorgeführt worden bin.
Und woher wird nun das Geld kommen? Als CDU-Stammwähler verfüge auch ich natürlich über eine "schwarze Kasse". Mir muss nur die Geheimzahl wieder einfallen.

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