Beeplog.de - Kostenlose Blogs Hier kostenloses Blog erstellen    Nächstes Blog   


 

Du befindest dich in der Kategorie: Allgemeines

Donnerstag, 17. März 2011

"Wer neue Schuhe trägt, tritt damit nicht in den Mist!"
Von DM, 23:59

Wäre ich überfahren worden, wäre meine Verhandlungsposition erheblich günstiger. Als ich eine halbe Stunde vor dem Termin mit meinen beiden Kollegen Chang und Li im Büro für auswärtige Angelegenheiten der Uni vorbeikomme, den meine Chefin mir gestern Abend telefonisch mitgeteilt hat, ist die Stimmung gedrückt. Gemeinsam mit dem Büroleiter schauen sie sich die Video-Aufzeichnung der Vorfälle von gestern Nachmittag an. "Wir sehen uns in einer halben Stunde", sage ich nur und bin auch schon wieder weg.
Chang und Li begleiten mich zum Verhör bei der Polizeistation in der Yunnan-Straße. Ein freundlicher Beamter, der sich Joni nennt, empfängt uns in einem Büro mit schwarzen Ledersesseln und ich beginne mit einer Frage: International gelte ja der Zebrastreifen als so eine Art heilige Schutzzone für Fußgänger. Ob das in China anders sei. Nein, nein, erklärt Herr Joni, das sei in China auch so. Dann erkläre ich, wie es zu jenem Fußtritt gegen das grüne Taxi gekommen ist, das, ungeachtet des blauen Schildes, des gelben Ampel-Blinklichts und des Tempoblockers, mit Vollgas vor mir über den Zebrastreifen bretterte, so dicht, dass immerhin die Möglichkeit zu diesem Fußtritt gegen die Karosserie des Wagens gegeben war. "Als Fußgänger hat man ja keine Hupe", erläutere ich, "um auf Fehlverhalten anderer Verkehrsteilnehmer hinzuweisen." So hätte ich also zu dieser etwas unorthodoxen Methode gegriffen. Herr Chang übersetzt Wort für Wort. (Ich soll bloß nicht versuchen, Chinesisch zu reden, lautet die Instruktion.) Daraufhin sei die Dame, etwa vierzig Jahre, alt, grüner Trainingsanzug, kurze, hellrot gefärbte Haare, eine gewaltige Rübe auf der Oberlippe, erbost angehalten und aus dem Taxi gestiegen und habe etwas gerufen, das ich nicht verstand. Ich meinerseits habe sie lautstark für verrückt erklärt. Dann steht sie also vor mir. Und obwohl ich ihr doch die Chance gegeben habe, ihr Fehlverhalten einzusehen, erkläre ich, zeigt die Taxi-Tussi sich uneinsichtig und pöbelt laut herum. Ich versetze ihr entnervt einen Schubser gegen die rechte Schulter, um deutlich zu machen: "Gespräch beendet!", aber das sieht die Taxi-Tussi völlig anders. Die wird nämlich rabiat: Sie eilt mir, der ich mich bereits in Richtung Campus abgewendet habe, hinterher und zerrt an meiner Kleidung. Ich versuche mich mit einem Fußtritt los zu machen, verfehle aber mein Ziel. Da die Tussi zurückgewichen ist, kann ich nun meinen Weg fortsetzen, aber – ich bin bereits auf Uni-Gelände – da hängt sie schon wieder wie eine Klette im Hundefell an mir dran und zerrt. Schließlich wird mir das Ganze zu bunt und ich entledige mich der für meine Begriffe völlig durchgeknallten Furie kurzerhand mit einem Kinnhaken. Ich denke: Nun ist Ruhe im Karton! Aber jetzt geht das Theater erst richtig los! Ich kann ja nicht ahnen, dass nur das Besudeln eines Porträts von Mao Zedong in der Volksrepublik China ein noch größeres Verbrechen ist, als eine hilf-, wehr- und vor allem: arglose Frau zu schlagen. Deswegen das Geschrei und Gezeter überall. Die Taxi-Tussi wälzt sich derweil theatralisch auf dem Boden vor dem Campus, zehn Meter von dem Ort entfernt, wo ich zum Befreiungsschlag angesetzt habe. Unwillkürlich muss ich an Elfmeterschinden im Fußball denken. Ein Sicherheitsbeamter und ein Passant kommen auf mich zu. Die behindern sich in dem, was sie von mir wollen, so lange gegenseitig, bis ich erkläre, ich müsse jetzt zum Unterricht, und enteile. Erst im Hörsaal bemerke ich, dass mein Mittelfinger heftig blutet. Nach dem Unterricht komme ich wieder am Ort des Geschehens vorbei und erkläre den Sicherheitsbeamten, die Tussi sei eine Gefährdung für die Menschheit. Man wird jedoch nicht müde mir zu erklären, sie sei sicher zu schnell gefahren, aber ich hätte doch die Frau nicht schlagen dürfen. Erschwerend kommt hinzu, dass, wie ich heute erfahre, drei Augenzeugen sich freiwillig gemeldet haben, um zu erklären, dass ich der böse ausländische Teufel sei, der eine arme, hilflose Frau geschlagen habe, und dass diese sich ins Krankenhaus begeben habe, zu einer zweitägigen Untersuchung! Naja, erkläre ich mich kompromissbereit, wenn die Dame einwillige sich einer Führerschein-Nachschulung zu unterziehen, sei ich bereit 25 Prozent der Krankenkosten zu übernehmen, und halte das für einen fairen Kompromiss. Herr Joni, der die Video-Aufzeichnung von den Vorfällen auf seinem Mobiltelefon hat, dankt, verspricht eine Überprüfung der Sicherheitsstandards im Uni-Viertel, was mein Kollege Chang allerdings für reine Rhetorik hält. Ich bin immerhin froh, dass ich meinen Standpunkt darlegen konnte. Das Protokoll besiegele ich vollgültig-amtlich mit einem Fingerabdruck von roter Tinte. Nun, denke ich, wird man sicher zu einer Lösung gelangen, die beiden Seiten gerecht wird. Chang tadelt mich auf dem Nachhauseweg noch einmal: Ich hätte einfach die Hände vors Gesicht halten und die Frau sich abreagieren lassen sollen. Und überhaupt: Ein Hochschullehrer könne sich doch nicht so aufführen: "Wer neue Schuhe trägt, tritt damit nicht in den Mist!"

[Kommentare (0) | Kommentar erstellen | Permalink]




Kostenloses Blog bei Beeplog.de

Die auf Weblogs sichtbaren Daten und Inhalte stammen von
Privatpersonen. Beepworld ist hierfür nicht verantwortlich.

 

Navigation
 · Startseite

Login / Verwaltung
 · Anmelden!

Kalender
« Februar, 2026 »
Mo Di Mi Do Fr Sa So
      1
2345678
9101112131415
16171819202122
232425262728 

Kategorien
 · Alle Einträge
 · Allgemeines (415)

Links
 · Kostenloses Blog

RSS Feed