Katja zurück in der Stadt
Katja meint ja, das wird noch ganz schön teuer für mich. "Die werden da manchmal ganz schön unverschämt!", warnt sie, als ich ihr die Geschichte mit der Taxi-Tante erzähle. Meine beliebte österreichische Kollegin ist im Sommer berufsbedingt nach Peking umgesiedelt. Ihren bisherigen Herzallerliebsten hat sie gleich da gelassen, also in Nanjing, weil der etwas zu intensive Beziehungen zu einer ihrer Kolleginnen aufgenommen hat. Ein Fall aus der Rubrik: Man hat schon mehr gelacht. Nun aber ist sie zurück an alter Wirkungsstätte.
Gestern nach dem Vortrag von Prof. Paul (Analyse einer Talk-Show mit Iris Berben als Gast), zu dem ich sie gelotst habe, war sie mit zum Mittagsmahl zur Verabschiedung des Professoren-Paars Paul, das bei uns drei Wochen zu Gast war. Heute sind wir locker zu einem kleinen Ausflug verabredet. Ich bin schon vorausgeeilt in den Botanischen Garten. Aber Katja und ihr neuer Freund, ein Chinese, der in der Schweiz Deutsch gelernt hat, kommen morgens nicht aus den Federn. Um 13.37 Uhr kommt folgende SMS: "Wir fahren jetzt Richtung Berg. Wo steckst du?" Erst am weit fortgeschrittenen Nachmittag trifft sie per Taxi ein und bringt auch gleich Regen mit. Ich kriege prompt nasse Füße, aber nicht vom Regen, sondern weil ich im Brücken-Abenteuerpark die Neigung jener Ketten nach unten ins Wasser unterschätzt habe, auf denen man hier einen kleinen Wasserlauf überqueren soll. Jetzt muss ich Socken auswringen.
Wir wandern dann noch etwas parkeinwärts, lassen dabei den Pflanzen fotografierenden neuen Freund zurück. Unterwegs gibt Katja telefonisch einem verliebten Ex-Studenten noch ein paar Partnerschaftstipps: "Wer hat zuerst geküsst", schallt es durch den Wald, "du oder sie?" Ich höre gar nicht hin.
Schließlich landen wir am Rande des Universums, des Park-Universums, der sich, wie ich vermeine, auf der genau entgegengesetzten Seite vom Eingang befindet. Wir stapfen querfeldein durch regennasse Pflanzen. Selbst die sonst immer souveräne und schwer zu erschütternde Katja wird ein bisschen blass, als ich ihr mit einer Miene, als wäre Predator hinter uns her, eröffne: "Es gibt keinen Ausweg! Wir müssen jetzt hier über den Zaun steigen!" Etwas unsicher balanciert sie oberhalb der spitzen Metallstäbe. Dann ist es vollbracht. Wenig später kommt das Arboretum in Sicht, in dem wir uns am frühen Nachmittag getroffen haben. Kurzum, wir waren vom Eingang, wo der Chinese mit Schweizer Einschlag immer noch fotografiert, nur zehn Fußminuten entfernt – von wegen "es gibt keinen Ausweg!" Ja, aber ich mag's nun mal gern dramatisch...
Wir steigen wahllos einem Bus zu und wandern dann durch den fast leeren, vom Regen triefenden Xuanwu-Park zurück. An der U-Bahn sagen wir leise Servus, denn Katja und ihr neues Herzblatt müssen ja morgen früh zurück nach Peking.