Didi Ocean
Wenn ein Student in meiner Bibliothek ein Buch ausleihen will, muss er eine Kaution von 100 Yuan hinterlegen, die er beim Abschluss des Studiums, vorausgesetzt, alle Bücher sind heil und gesund wieder in die Regale zurückgekehrt, zurückfordern kann. Meist wird das aber vergessen. So hat sich im Laufe der Jahre auf dem dazugehörigen Konto eine stattliche Summe angesammelt und ich habe mich schon manches Mal gefragte, in was man denn diese Stange Geld investieren könnte. Neue Bücher? Kommen aus Deutschland. Neue Lampen? Kommen von der Uni. Nun, man kann wohl sagen: Nachdem ich von der hiesigen Polizeibehörde in einem so genannten Vermittlungsgespräch dazu verdonnert wurde, 9000 Yuan an eine durchgedrehte Verkehrssünderin zu entrichten, der ich mal anständig den Marsch geblasen habe, ist das Problem, wie dieses Geld möglichst schnell verplempert werden kann, aus der Welt. Diese rein chinesische Angelegenheit, die auf dem chinesischen Weg gelöst wurde, wird selbstverständlich auch mit rein chinesischem Geld geregelt. Und weder ich noch meine Krankenkasse müssen einen Pfennig zubezahlen. In die Buchführung kommt der Vermerk: Sonderausgabe. Die Sache ist nur: Ich hatte irgendwann 2009 mal die glorreiche Idee, die Geheimzahl der Bankkarte, die zu besagtem Kautionskonto gehört, der von meiner privaten Bankkarte anzugleichen. Diese Änderung habe ich leider bei der nächsten Abhebung nicht mehr im Kopf gehabt und stur dreimal, mit leichter Variation, die alte eingegeben, woraufhin die Karte selbstverständlich gesperrt war. Ich gehe also zum Bankschalter und erkläre, dass es ein Problem mit der Geheimzahl gebe. Die Bankangestellte schaut mich irritiert an und ich komme mir vor wie Danny Ocean bei einem seiner hochstaplerischen Coups oder wie Peter Voss, der Millionendieb. Oder vielleicht auch einfach nur wie Michel aus Lönneberga?
Das Konto wurde 2002 von einer chinesischen Kollegin eröffnet, der ich offensichtlich überhaupt nicht ähnlich sehe. Das sei so eine Art Firmenkonto, erläutere ich. Die neue Geheimzahl geht schon mal nicht, dann gebe ich also die alte ein. Ich tippe anscheinend aber immer zu langsam. Jedesmal wird der Code abgelehnt. Inzwischen ist eine Kollegin aufgetaucht. Auch ein freundlicher Herr versucht mir beim Eintippen behilflich zu sein. Da die Geheimzahlen nun sowieso nicht mehr geheim sind, schreibe ich der Schalterdame schließlich die beiden PI-Nummern auf, damit sie mir auch glaubt, dass ich die Geheimzahl wirklich kenne, und am Ende klappt es dann doch: Bargeld lacht! Mit diesem deutschen und von mir leitmotivisch verwendeten Originalzitat überreiche ich dann bei der Polizei die zweite Rate über 6000 Yuan. Wieder strahlt die Taxi-Tussi mit der Rübe auf der Oberlippe über beide Backen. Am Ausgang sage ich zu Li und Chang: "Noch so'ne Aktion wie heute und ich sitz' im nächsten Flieger nach Deutschland!" Da verschlägt's ihnen glatt die Sprache.
[sin-o-meter-Leser aufgepasst: neuer Eintrag auch am 13. März!]